Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Vorschule der Aesthetik
Person:
Fechner, Gustav Theodor
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1359184
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1360064
Prineip 
ästhetischen 
der 
Schwelle. 
Es giebt Vieles, was uns gleichgültig lässt, indess es doch 
seiner und unserer Natur nach wohl geeignet wäre, Gefallen oder 
Missfallen zu wecken, andermal auch wirklich erweckt. Das hängt 
allgemeingesprochen daran, dass sei es die Stärke der objectiven 
Einwirkung oder der Grad unserer Empfänglichkeit dafür oder 
unserer Aufmerksamkeit darauf nicht die sogenannte Schwelle 
übersteigt, das heisst den Grad, von dem an die Einwirkung erst 
für unser Bewusstsein spürbar wird. Es ist nämlich ein allge- 
meines, nicht hlos für Empfindung von Lust und Unlust, aber 
a uch für sie gültiges Gesetz, dass zum Bewusstwerden derselben 
ein gewisser Grad dessen gehört, woran sie äusserlieh und inner- 
lich hängt; die Qualität der Bedingung reicht nicht aus, sie 
muss sich durch die erforderliche Quanti tä t, den erforderlichen 
Grad, ergänzen. So lange nun dieser Grad nicht erreicht ist, sagen 
wir von den Bedingungen der Lust und Unlust wie von diesen 
selbst und dem davon abhängigen Gefallen und Missfallen, dass 
sie unter der Schwelle bleiben. 
In der That so gewiss wir sein können, dass unzählige üble 
Gerüche in der Luft schweben, wegen ihrer Verdünnung riechen 
wir in der Regel nichts davon. Die schlechtest schmeckende Me- 
dicin schmeckt uns doch nicht schlecht in homöopathischer Ver- 
dünnung. Für Vieles, was uns bei frischer Empfänglichkeit Lust 
gab, stumpft sich die Empfänglichkeit ab, ohne desshalb zu er- 
löschen, der Lustreiz muss nur verstärkt werden, um Wieder Lust 
zu geben; und wie Vieles trifft zwar unsern Sinn aber zu wenig 
unsere Aufmerksamkeit un-d bleibt uns desshalb gleichgültig. 
Je nach Rücksicht auf die üusseren oder inneren Bedingungen 
des Gefallens oder Missfallens kann man von einer äussern oder 
innern Schwelle sprechen, welche überstiegen werden muss, soll 
Gefallen oder Missfallen mit einem wirklichen Lust- oder Unlust- 
werthe ins Bewusstsein treten. Beide Schwellen aber sind nicht 
unabhängig von einander. Für jeden bestimmten Grad der Em- 
pfänglichkeit und Aufmerksamkeit wird es einen bestimmten Grad 
der äusseren Einwirkung geben, der dazu überstiegen werden 
muss, hiemit eine zugehörige bestimmte äussere Schwelle; aber 
wie sich jene inneren Bedingungen ändern, wird eine grössere 
Fechner, Vnrschule d. Aestlietik. 4
        

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