Volltext: Vorschule der Aesthetik (Theil 1)

zur Vermeidung des Vorwurfs, sich in widersprechenden Vor- 
stellungen zu bewegen, räthlich sein, dann lieber gleich das vom 
Mittel nach einer oder der andern Seite stärker Abweichende für 
das Wohlgefälligere zu erklären, wofür die von Burke und Zim- 
mermann geltend gemachten Thatsachen in der That nur von 
verschiedenen Seilen gleich schlagend erscheinen. Aber freilich 
könnte es hienaeh noch einem Dritten beikommen, trotz Zimmer- 
mann und Burke, eine reehteMitte zwischen Grossem und Klei- 
IJGII] als das Wohlgefalligste zu erklären, und gelingen, nicht min- 
der schlagend scheinende Thatsachen dafür beizubringen. 
Vor Zeiten hat sich Venus um den Apfel der Schönheit mit 
Pallas und Juno wegen der Schönheit der Gestalt gestritten; man 
sieht, dass ihr mit Vorigem aufgegeben ist, sich auch noch mit 
Riesen und Zwergen wegen der Schönheit der Grösse darum zu 
streiten. Sollte ich nun zum Paris erwählt sein, so würde ich 
unstreitig nur einem-t sehr allgemeinen Zuruf zu folgen brauchen, 
um den Preis sofort ihr, die in der Mitte zwischen beiden steht, 
zuzutheilen. Doch trage ich Bedenken, es so ganz einfach zu thun, 
indem ich mich erinnere, dass ich wohl in eine Schaubude gehe, 
um einen Zweig oder Riesen, aber nicht um einen Menschen von 
gewöhnlicher Grösse zu sehen; muss ich nicht also am Sehen von 
jenen mehr Gefallen finden als am Sehen von diesem? Inzwischen 
crrinnere ich mich auch, dass ich doch im gewöhnlichen Leben 
lieber Menschen von gewöhnlicher Grösse um mich sehe und mit 
solchen Verkehre, als vorzugsweise mit Zwergen oder Riesen. 
Kurz ich ziehe ausnahmsweise das Ausnahmsweise, für gewöhnlich 
das Gewohnte vor, und zwar thue ich das nicht blos in Betreff des 
Eindrucks der Grösse, sondern überhaupt; so dass sich ein sehr 
allgemeines ästhetisches Prineip daraus machen liesse, wenn schon 
kein so allgemeines, dass Gefallen und Missfallen allein von ihm 
abhingen, es ist nur ein überall mitbestimmcndes wie andrer Mit- 
bestimmung unterliegendes. 
Selbst zum Genuss des Erhabenen gehört, dass es nicht blos 
etwas Grosses sondern auch etwas Ausnahmsvveises sei, und ge- 
hören oft noch andre Mitbestimmungeii dazu. Gewährt es uns in 
seiner Grösse mehr Anknüpfungspuncte zu lustvoller Beschäftigung, 
so werden wir es freilich dem Kleinen vorziehen, das in seiner 
Kleinheit nur weniger davon zu gewähren vermag, aber umge- 
kehrt, wenn das Grosse ein reichercr Unlust- als Lustqucll ist.
	        
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