Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Vorschule der Aesthetik
Person:
Fechner, Gustav Theodor
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1359184
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1359854
Aber nun heisst es: er ist ein schlechter Mensch, licclerlich , hart gegen die 
Seinigen, unredlich; und er ist verloren in unsrer Meinung und Achtung; 
selbst indem cr uns unterhält, bewirthet, beschleicht uns ein unheimliches 
Gefühl. Wir fühlen wohl, dass alle Lust, die sein Witz, sein Geist, sein ge- 
wandtes Betragen ihm und Andern unmittelbar einträgt, nicht so viel wiegen, 
als die Unlust, die seine Liederlichkeit durch ihre Folgen ihm selbst bringen 
wird, als die traurigen Stunden, die er seiner Frau und seinen Hausgenossen 
macht, als das Unglück, das er durch seine Unredlichkeit über Andre bringt. 
Alle jene Lust erscheint uns nur noch wie der weisse Schaum über einem 
dunkeln Pfuhl von Unlust. Wir sagen uns das freilich nicht im Einzelnen: 
aber unser durch unzählige Erfahrungen und Belehrungen erzogenes Gefühl 
hat die Macht, Alles was der Verstand einzeln sagen könnte, in eine Resul- 
tante zu vereinigen. 
Stellen wir nun jenem gegenüber den trocknen, gesetzten, ja pedanti- 
schen, Mann von unsoheinbarem Aeussern, der Niemand gut zu unterhalten 
weiss, der aber seine Pflicht thut, sein Amt in Ordnung verwaltet, nach 
Kräften das Gemeinwesen und nützliche Anstalten födert, mit seiner Frau in 
Frieden lebt und seine Kinder gut erzieht, der zwar nicht durch geistige 
Mittel, die ihm nicht zu Gebote stehen, aber durch materielle so viel er kann 
,zu Andrer Vergnügen beiträgt, so möchten wir freilich nicht gern auch so 
trocken und pedantisch sein , wie er; aber bei der Werthsvergleichung des- 
selben mit dem Vorigen werden wir keinen Augenblick anstehen , ihn über 
den Vorigen zu setzen, wir werden ihn, wie wir uns ausdrücken, höher 
achten als jenen; achten aber ist ja nichts, als den Werth schätzen;  
indem wir wohl fühlen, wie viel mehr Lust doch im Ganzen aus seiner 
Handlungsweise fliesst, als aus der des Vorigen. 
Doch schätzen wir Eigenschaften an einem Menschen nicht b los, so- 
fcrn sie sich unter den Begriff des Moralischen bringen lassen; vielmehr 
Alles, was von einem Menschen ausgehend eine Fülle von Lust höheren 
Charakters in die Welt bringt, wird von der Welt hoch gehalten; nur weiss 
das richtige Gefühl das höhere noch über das hohe zu stellen. Wie hoch 
wird doch Göthe geschätzt, ungeachtet er moralisch nicht grösser war, 
als so viele unbedeutende Geister. Wie hoch steht eine Sängerin im 
Werthe , wenn sie schön ist und schön singt, auch wenn man von der Moral 
(ierselben nichts weiss. Und selbst, wenn man weiss, dass sie etwas leicht- 
sinnig ist, verzeiht man ihr Manches um ihrer Schönheit und ihres schönen 
"Gesanges willen, und möchte doch lieber dieses leichtsinnige, nur nicht 
schlechte, Wesen sein, als eine sog. moralische dumme Gans. Warum? 
weil jene ein lebendiger Springquell von Lust, und diese eine dürre Lache 
ist. Der Massstab der Lust greift durch Alles durch. Aher wenn dieselbe 
Sängerin , die uns durch ihren Gesang und ihre Anmuth hinreisst, zugleich 
züchtig und nobel in ihrem Wesen erscheint, wie unsäglich höher stellen 
wir sie dann doch zugleich als die leichtsinnige, die sich wegwirft, und als 
die dumme Gans Wir fühlen, dass die Welt hiebei im Ganzen unendlich 
mehr an Lust gewinnt als durch einzelne Liederlichlreiten der einen, und 
den guten dummen Willen der andern. 
Das Gewissen, welches den Menschen seiner eigenen Güte versichert,
        

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