Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Vorschule der Aesthetik
Person:
Fechner, Gustav Theodor
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1359184
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1362010
25.4 
weiss, dass ihm Raphael, Michel Angelo, Tizian, Albrecht Dürer, 
die niederländischen Gcnrebilder gefallen müssen, von heutigen 
Malern über Alles Cornelius; weiss man aber erst, was gefallen. 
soll, und dazu sind die Kenner da, es uns zu sagen, so fangt es 
auch alsbald an, uns wirklich zu gefallen, denn der meiste Ge- 
schmack ist wie der meiste Glaube ein eingepflanzter, octroyirter; 
wir kommen darauf unten. Und so sind die meisten Geschmacks- 
urtheile in Kunstsachen nur Nachurtheile nach den Ijrtheilen, oft 
Yorurtheilen, weniger Kenner, von welchen grössere oder kleinere- 
Gesellschaftskreise beherrscht werden. Aber in Bezug auf Bilder 
von neuen oder unbekannten Meistern fehlt der Anhalt des Namens 
und leider hat man, wenn man rathlos vor dem neuen Bilde steht, 
nicht immer gerade einen Kennenvor sich oder hinter sich, dessen 
Ertheil man belauschen könnte. Auch das Urtheil der Kenner aber 
wird unsicher, wenn der Name unsicher wird. Wurde doch noch 
neuerlich an einem berühmten Bilde das Beispiel erlebt, dass, als 
sein Meister aus einem bekannten zu einem unbekannten wurde, 
der früher einstimmige Geschmack aller Kenner daran ganz in Ver- 
wirrung gerieth, und manche von da an sich ganz von der Bewun- 
derung des Bildes lossagten. 
Woher nun, kann man fragen, diese grosse Verschiedenheit 
des Geschmackes einerseits und Unentschiedenheit anderseits, die 
sich in das Feld des Geschmackes theilen? Das Schöne soll doch 
eine absolute Geltung haben, warum macht es sie nicht geltend? 
es soll einen Zauber auf die Menschen üben; warum versagt so oft 
dieser Zauber"? Und was entscheidet endlich den Streit des Ge- 
schmackes und hebt die Unsicherheit"? lst denn jeder Geschmack 
gleichwerthig, und giebt es überhaupt keine massgebenden Ge- 
sichtspuncte, einen besseren von einem schlechteren zu unter- 
scheiden? Das scheint man in der That damit sagen zu wollen, 
wenn man sagt: über den Geschmack lässt sich nicht streiten; 
man will damit sagen : der Streit lasst sich nicht entscheiden. 
Was nun die Erklärung der Geschmackversehiedenheiten an- 
langt, so kann man sich dabei auf einen verschieden hohen Stand- 
punct stellen. Um den höchstmöglichen einzunehmen, kann man 
sagen: Die ganze Entwickelung des menschlichen Geistes steht 
unter dem Einllusse einer Idee, und zwar in höchster und letzter 
lnstanz der göttlichen oder absoluten Idee, und alle Verschieden- 
heiten des Geschmacks sind blos sich ergänzende und lodernde,
        

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