Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Vorschule der Aesthetik
Person:
Fechner, Gustav Theodor
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1359184
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1361932
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unsere Begriffe haben sich nicht so ausgebildet, und so konnte 
es auch nicht die Sprache. 
Unter a bg e s ch m a ckt versteht man den höchsten oder einen 
ganz offenkundigen Grad des Geschmacklosen, etwas, was von 
einem richtigen Geschmack ganz abfällt. 
Streit des Geschmackes. 
Es ist eine alte Bede, dass sich über den Geschnxack nicht 
streiten lässt; indess streitet man doch darüber, ja über nichts 
mehr als über den Geschmack; es muss sich also doch darüber 
streiten lassen. Und nicht blos Einzelne streiten darüber, auch 
Nationen und Zeiten, oder wenn sie nicht darüber streiten, weil 
sie zu entlegen von einander sind, streiten doch die Richtungen 
ihres Geschmackes unter einander, indem sie gewöhnlich eben so 
abweichend von einander, als die Nationen und Zeiten entlegen 
von einander sind, Aber auch die einander in Zeit und Raum, 
wissenschaftlichen und religiösen Ansichten nahe stehen, die bess- 
ten Freunde sonst in allen Dingen, pflegen doch noch über den 
Geschmack zu streiten. Und die Aesthetiker und Kunstrichter, 
die den Streit zu entscheiden hatten, streiten am meisten darüber, 
jndem sie auch über die Gesichtspuncte und Gründe der Entschei- 
dung streiten. 
Fassen wir nun vorAllem einige besonders auffällige Beispiele 
streitenden Geschmackes rein thatsächlich ins Auge, theils um eine 
Ansicht von der Grösse der vorkommenden Geschmacksverschie-  
denheiten zu erwecken, theils Anknüpfungspuncte für spätere 
Erörterungen darin zu finden. Und zwar. zuerst ein Beispiel 
aus dem Gebiete der Mode, einem Gebiete, welches zweifeln 
lassen könnte, dass der Geschmack sich überhaupt Regeln und 
Gesetzen fügt. Denn obwohl er sich selber in jeder neuen Mode 
eine neue Regel giebt, ist es doch nur, um der alten zu spotten 
und dem Spotte der spätern zu verfallen. 
Wohl als das Geschmackloseste, was es giebt, erscheint uns 
jetzt eine Perücke und deren etwas spätere Vertreter, Puder, 
Zopf, Haarbeutel, die den Kopf selbst zu einer Art Perücke mach- 
ten. Wie ganz anders aber stellte sich eine noch nicht zu lange 
vergangene Zeit dazu. Ich selbst habe noch alte Leute erzählen 
hören, welchen Eindruck der Armseligkeit, Unkultur, ja Bohheit
        

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