Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Vorschule der Aesthetik
Person:
Fechner, Gustav Theodor
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1359184
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1359631
klärungen der Aesthetik nicht mit einer Erklärung durch Gesetze 
erfüllt haben, bleiben sie ein hohler Rahmen. 
Auch in der Weise der Begriffsbestimmungen selbst aber 
unterscheidet sich der Weg von Oben von dem hier einzuschlagen- 
den Wege von Unten. In letzterem Wege kommt die begriffliche 
Bestimmung blos darauf zurück, den Sprachgebrauch festzustellen, 
und, wo er schwankt, sich über Wahl und Weite desselben zu 
erklären, so dass man wisse, um was es sich bei der sachlichen 
Untersuchung handelt, ohne aber in der Begriffsbestimmung das 
Resultat solcher Untersuchung vorwegzunehmen oder in Wesens- 
bestimmungen vorweg einzugehen, womit es leicht ist, Klarheit 
und Allgemeinverständlichkeit zu erzielen; indess der Weg von 
Oben die Wesensfrage gleich aus dem Begriffe und im Begriffe zu 
beantworten sucht, hiemit aber die Schwierigkeit einer klaren 
Feststellung der obersten Begriffe auf alle abgeleiteten Begriffe 
überträgt. 
Unter den Deutschen hat die Bearbeitung der Aesthetik im 
Wege von Oben in Abhängigkeit von Kant, Schelling, Hegel weit 
das Uebergewicht über die Bearbeitung von Unten erhalten und 
bis jetzt noch behalten. Mit den Einflüssen jener Philosophen aber 
fangen neuerdings mehr und mehr-solche von Herbart, Schopen- 
hauer, Hartmann an sich zu mischen; andrerseils aber doch auch 
die Aesthetik, sei es noch unter philosophischem Einflusse oder in 
mehr selbstständiger Richtung und Entwickelung auf den Weg 
von Unten mit einzulenken (Hartsen, Kirchmann, Köstlin, Lotze, 
Oersted, Zimmermann) ; und ist diess schon theils nicht in so reiner 
Durchführung, als ich bei voriger Charakteristik im Auge hatte, 
theils nur in beschränkter Ausführung geschehen, so kann man 
doch nicht mehr sagen, dass dieser Weg bei uns überhaupt ver- 
lassen sei. Dazu kommen dann noch schätzbare empirische Enter- 
suchungen der Neuzeit in ästhetischen Specialgebieten als von 
Brücke, Helmholtz, Oettingen u. a3); endlich kunstkritische Be- 
trachtungen in Fülle, die sich mehr oder weniger nach einer oder 
der andern Seite neigen, auf was Alles jedoch ausführlicher ein- 
k) Zeising, obwohl in der Hauptsache der Richtung von Oben huldigend, 
kann dabei insofern nicht vergessen werden, als er die philosophische Be- 
gründung des goldnen Schnitts durch eine empirische zu ergänzen und zu 
unterstützen gesucht hat.
        

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