Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Vorschule der Aesthetik
Person:
Fechner, Gustav Theodor
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1359184
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1361355
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Bedeutung hinzutritt, die über die directen Form- und Farbelw- 
ziehungen hinausgreift. Zwar können Gegenstände von geringer oder 
nebensächlicher ästhetischer Bedeutung, als wie ein Teppich, eini- 
Zimmerwatid, durch Farben- und Formverhältnisse ihrer Fläche, 
Kanten, Muster, directe Wohlgefälligkeit erlangen, beweisen aber 
eben damit, dass sie zu keiner höhern und selbständigen ästheti- 
schen Bedeutung erhoben werden können, wie gering und niedrig 
die ästhetische Leistung dieser Verhältnisse ist; auch sieht man 
selbst wohl an solchen Gegenständen gern Verzierungen in Pflan- 
zen- und Thierformen angebracht, welche durch Erinnerung ihrer 
Bedeutung den Eindruck associativ mitbestimmen. ln eigent- 
lichen Kunstwerken endlich kann man der directen Wohlgefiillig- 
keit gegenüber der höheren, welche aus dem angcknüpften Sinne 
der Bedeutung erwächst, überhaupt keine Bedeutung mehr hei- 
legen. 
In der That, so wohlgefällig die Symmetrie im Kaleidoskop 
erscheinen mag, wird sie doch weder in einem Landschafts- noch 
historischen Bilde vertragen, weil sie zur Bedeutung der darge- 
stellten Gegenstände nicht passt; wogegen die grössten Unregel- 
inässigkeiten, die uns abgesehen von ihrer Bedeutung nur gleich- 
gültig oder gar missfällig erscheinen könnten, in Kunstwerken 
durch die angeknüpfte Bedeutung Interesse erwecken und wohl- 
gefällig werden können. Eben so bestimmt sich das Colorit tlPS 
Bildes vielmehr durch die Foderungen der Bedeutung als die Be- 
geln derFarbenharmonie; denn so gut auch Blau oder Grün zu 
Roth ausserhalb eines Bildes stehen mag, kann man doch zum 
Both der Wange das Gesicht nicht blau oder grün malen. 
Am häufigsten ist von schönen reinen Verhältnissen eines 
Bauwerkes, schönen Formen und Verhältnissen einer Menschen- 
gestalt, überhaupt also in der unorganischen und organischen Ba u- 
kun st die Rede, und nirgends häufiger als hier wird das Gefallen von 
Dimensions- und Formverhältnissen rücksichtslos auf angeknüpfte 
Bedeutung abhängig gemacht. Aber der Thurm und Tempel fodern 
andre Verhältnisse als derPalast und das Wohnhaus; das Weib, das 
Kind andre als der Mann, der Erwachsene; Jupiter und Hercules 
andre als Apoll und Bacchus. Ueberall also müssen sich die Ver- 
hältnisse nach Bestimmung des Baumaterials, nach Geschlecht. 
Alter und Charakter der Individuen ändern, um als wohlgefällig 
oder schön zu gelten. Sie erscheinen überall nur wohlgefällig,
        

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