Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Vorschule der Aesthetik
Person:
Fechner, Gustav Theodor
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1359184
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1359625
und zu führen versucht hat, verwirrt und geirrt werden ist. Wer 
Licht erst sucht, und der Weg von Unten ist ein Weg solchen 
Suchens, kann diesen Weg nicht mit schon fertigem Lichte be- 
leuchten wollen. 
Als wesentliche Aufgaben einer allgemeinen Aesthetik sind 
meines Erachtens überhaupt zu bezeichnen: Klarstellung der Be- 
griffe, welchen sich die ästhetischen Thatsachen und VcrhältniSSe 
unterordnen, und Feststellung der Gesetze, welchen sie gehorchen, 
wovon die Kunstlehre die wichtigsten Anwendungen enthält. Die 
Behandlungsweisen der Aesthetik von Oben aber haben vorzugs- 
weise nur die erste Aufgabe vor Augen gehabt,. indem sie die Er- 
klarung der ästhetischen Thatsachen aus Gesetzen durch eine 
solche aus Begriffen oder Ideen zu ersetzen statt zu ergänzen 
suchen. 
ln der That, sieht man die meisten unsrer Lehrbücher und 
allgemeinen Abhandlungen über Aesthetik an,  die meisten aber 
verfolgen den Weg von Oben, -so bilden Erörterungen und Strei- 
tigkeiten über die richtige Begriffsbestimmung der Schönheit, 
Erhabenheit, Hässlichkeit, des Angenehmen, Anmutbigen, Komi- 
schen, Tragischen, Lächerlichen, des Humors, des Stils, der Ma- 
nier, der Kunst, der Kunstschönheit und Naturschönheit, Unter- 
ordnungen des Einzelnen unter diese Begriffe, Eintheilungen des 
gesammten ästhetischen Gebietes aus dem Gesichtspuncte dersel- 
ben, den Hauptinhalt der Darstellung. Aber damit erschöpft man 
doch nicht die Aufgabe der Aesthetik. Denn bei Allem, was uns 
ästhetisch angeht, wird die Frage nicht blos die sein: welchem 
Begriffe ordnet es sich unter, an welchen Platz stellt es sich im 
System unserer Begriffe  man hat das allerdings zu fragen, es 
gehört zur klaren Orientirung in unserm Erkenntnissgebiete;  
aber die am meisten interessirende und wichtigste Frage wird 
doch immer die bleiben: warum gefallt oder missfällt es, und 
wiefern hat es Recht zu gefallen oder zu missfallen; und hierauf 
lässt sich nur mit Gesetzen des Gefallens und Missfallens unter 
Zuziehung der Gesetze des Sollens antworten, wie sich auf die 
Frage: warum bewegt sich ein Körper so und so und wozu haben 
wir ihn zu bewegen, nicht mit dem Begriff und einer Eintheilung 
der verschiedenen Bewegungsweisen, sondern nur mit Gesetzen 
der Bewegung und Betrachtung der Zwecke, worauf sie zu rich- 
len, antworten lässt. Und so lange sich die begrifflichen Er-
        

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