Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Vorschule der Aesthetik
Person:
Fechner, Gustav Theodor
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1359184
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1359607
und Missfallens im Einzelnen und Nächsten; aber man gelangt auf 
ihm schwer zu allgemeinsten Gesichtspuncten und Ideen, bleibt 
leicht in Einzelnheiten, Einseitigkeit-an, Gesichtspuncten von unter- 
geordnetem Werth und untergeordneter Tragweite befangen, Vvie 
sich diess namentlich bei den Engländern (als wie Hutcheson. Ho- 
garth, Bnrke, Hay u. A.) zeigt, welche vorzugsweise den Weg von 
Unten eingeschlagen haben. 
 Nach Vorstehendem werden überhaupt die Versuche, die 
seither mit Behandlung der Aesthetik im ersten Sinne gemacht 
sind, mehr den befriedigen können, welcher sein Hauptinteresse 
in der Unterordnung der Dinge unter allgemeinste Begriffe oder 
ldeen sucht, und in irgendwelcher Gestaltung derselben Befrie- 
digung findet, ohne die Ansprüche an Klarheit und Sachlichkeit 
höher zu stellen, als ihnen nun eben genügt ist; indess ein Ver- 
such, die Aesthetik im zweiten Wege zu behandeln, mehr den zu 
befriedigen im Stande ist, dem es vor Allem auf eine leichte und 
klare Orientirung im Nächstliegenden ankommt, und der seiner- 
seits keine grössere Höhe und Allgemeinheit beansprucht, als bis 
zu der nun eben angestiegen ist. Im Allgemeinen kann man sagen, 
dass an eine Aesthetik von Oben sich von vorn herein höhere 
Ansprüche stellen, indess die Aesthetik von Unten die niedrigem. 
die an sie zu stellen, leichter befriedigt. 
Soll nun überhaupt einmal eine Aesthetik von Oben zu 
Stande kommen, welche das recht leistet, was durch die bis- 
herigen Versuche derselben vielmehr angestrebt als erreicht wor- 
den ist, so wird meines Erachtens zu den höchsten und letzten 
Principien, von denen auszugehen, selbst erst mittelst vorsichtigen 
langsamen Aufsteigens nicht nur durch das ästhetische Gebiet, son- 
dern alle Einzelgebiete menschlicher Erkenntniss unter Mitrück- 
sicht auf praktische Forderungen gelangt sein müssen. Von da 
wird sich dann allerdings wieder zu den einzelnen Erkenntniss- 
zweigen und durch sie hindurch absteigen lassen, wobei nicht nur 
jeder Erkenntnisskreis von selbst in Abhängigkeit von höheren 
Gesichtspuncten treten wird, als die sind, zu welchen im blos auf- 
steigenden Wege durch ihn allein hätte gelangt werden können; 
sondern auch sein lnhalt durch den Zusammenhang mit andern 
Erkeuntnissztveigen noch in andrer Weise wird motivirt und er- 
läutert erscheinen, als auf dem aufsteigenden Wege ins Licht treten 
kann. Eine solche Aesthetik aus höherem Gesichtspuncte bleibt
        

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