Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Vorschule der Aesthetik
Person:
Fechner, Gustav Theodor
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1359184
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1361005
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Manche antike bildliche Darstellungen erläutern sich in ein- 
fachster Weise dadurch, dass den Figuren darin die Namen beige- 
schrieben sind  und Archäologen sind oft froh genug, sie so 
erläutert zu finden,  manche altdeutsche Bilder in naivster Weise 
dadurch, dass den als sprechend darin vorgestellten Personen die 
Rede in einem langen Bande zum Munde heraushängt. Unserni 
heutigen, in dieser Hinsicht doch wohl bessern, Geschmack er- 
Wecken solche Bandwürmer Bauchgrimmen, weil sie in der That 
fremdartige Parasiten in dem Bilde sind, das sich wohl mit asso- 
ciativer Erinnerung ausmalen, aber nicht mit Mitteln dazu unter- 
brechen lassen Will; und überhaupt wird die Aufnahme von Schrift 
in das Bild selbst immer mehr durch Störung seines Zusammen- 
hanges schaden als durch Erläuterung seines Sinnes nützen, es 
sei denn, dass das hermeneutische Interesse vor dem ästhetischen 
vorwiege. Hingegen kommt es manchem Bilde wohl zu statten, 
wenn ihm, sei es auch nur zur Auffrischung der Erinnerung, die 
bestimmte Stelle aus der Dichtung oder der Bibel, in Bezug zu der 
es gemalt ist, unmittelbar am Rahmen, oder, um dessen decora- 
tive Fassung nicht damit zu hehelligen, in einer schriftlichen Bei- 
gabe darunter beigefügt wird.  
Der Düsseldorfer Maler Hühner hat aus dem Buche Ruth die Abschieds- 
scene der alten Mutter Naemi von ihren Schwiegertöchtern dargestellt. Wei- 
nend und abgewandt entfernt sich die jüngere Schwiegertochter; während 
Ruth sich nicht von der Mutter losreissen kann und die Hände auf die Schul- 
ter der wehmüthig und tief gerührt aussehenden Frau legt. Wie wahr und 
schön das Alles dargestellt sein mag, so kann mir doch der gemalte stumme 
Mund der Ruth nicht ihre rührende Rede, worin sie den Entschluss aus- 
spricht, ihre Schwiegermutter nicht verlassen zu wollen, und den hiemit zu- 
sammenhängenden Sinn des ganzen Gemäldes nicht eben so aufgehen lassen, 
als es die hinzugefügte Bibelstelle, welche die Rede selbst gibt, zu thun ver- 
mag; sie lautet: aBede mir nicht drein, dass ich dich verlassen sollte und 
von dir umkehren; wo du hingehst, da will ich auch hingehn, wo du bleibcst, 
da bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk und dein Gott ist mein Gott. Wo 
du stirbest, da sterbe ich auch, da will ich begraben werden. Der Herr thue 
mir diess und das, der Tod goss dich und mich scheidenm 
Gewiss ruht hier ein grosser, ja vielleicht der grösste Theil der Bedeu- 
tung der Scene für uns in den Worten, die der Maler nun einmal nicht mit 
malen und aus dem Gemälde nicht errathen lassen konnte, und vondenen 
doch wenige Beschauer eine deutliche Erinnerung aus dem Lesen der Bibel 
zurückbehalten haben werden. Anderseits wird es für den, welcher die 
Bibelstelle für sich liest, unmöglich sein, Stellung, Geberde, Gesicht der han- 
delnden Personen so bestimmt und lebendig in der Anschauung dazu zu con-
        

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