Volltext: Die optischen Besonderheiten der Oelmalerei (Theil 1)

Figuren contourirte Flächen geblieben, ermangeln der über- 
zeugenden Lebensfülle und zugleich der Correctheitl. 
Endlich wird der Maler auch dann, wenn er in seiner Werk- 
statt zur Composition von ihm selbst erfundener "Aussichten" 
schreitet, nur leichtere und bessere Erfolge erzielen. Die ausser- 
ordentliche Klarheit und Sicherheit des räumlichen Eindruckes, 
den wir von Werken der italienischen Renaissance, seit Einführung 
der Linearperspektive noch bis zu Tiepolo hinab, empfangen, 
beruht darauf, dass die Maler sich allezeit den Raum, den sie 
darstellen wollten, in genau vorher bestimmten Erstreckungs- 
Verhältnissen vorstellten und eintheilten und zumeist vor allem 
Andern einen perspektivischen F luchtmaassstab auf dem Grund- 
plan anordneten, dessen Einheiten dann die Maasse oder den 
"Modul" aller in dem Raum zu placirenden Körperdimensionen 
hergaben. So sehen wir denn in diesen Bildern die verschie- 
denen Pläne auf's Wahrste zurückweichen, mit Sicherheit und 
ohne Schwanken jede Figur und jeden Gegenstand ihren Platz 
einnehmen. Hier beengt kein Ding das andere, ein jedes hat 
den Raum um sich her, den seine körperliche Ausdehnung be- 
ansprucht. Dem Schritt, oder der Armbewegung der Figuren 
ist ihr richtiges perspektivisches Maass zugetheilt, bei Bewegungen 
und Stellungen die durch die statischen Gesetze bewirkte Ver- 
schiebung der korrespondirenden Körpertheile richtig in Per- 
spektive gesetzt. Kurz, so viel des Details an grossen und 
1 Beim Anblick lebensgrosser Photographien nach der Natur wird man 
durch die strenge Einfachheit des Umrisses auf's Ueberraschendste an Um- 
risse bei Mantegna, D. Ghirlandajo, Lionardo, Rafael und andern Meistern 
der italienischen Renaissance erinnert. Nichts kann also lebhafter für die 
Schärfe und Richtigkeit des perspektivischen Sehens zeugen, Welche diese 
Meister beim Zeichnen nach der Natur anstrengten. Auch in Umrissen des 
Dürer, oder des Rubens, Rembrandt spricht sich unzweifelhaft eine eminente 
Kraft des Forrnensinnes aus, aber eine minder streng geschulte; dies zeigt 
sich in der Ueberladung und in den Uebertreibungen und Auswüchsen des 
Formendetails, die so oft den Umrissen dieser nordischen Meister als Manieren 
anhaften und jedenfalls aus ungezügelter Lebhaftigkeit des Formengefühls 
und der Absicht entsprangen, die Form aufs Energischste bis in ihr letztes 
Detail auszudrücken. Die Manier dieser Meister ist also derjenigen unsrer 
modernen Stilisten in Ursachen und Erfolg geradezu entgegengesetzt.
	        
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