Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Handbuch der Oelmalerei für Künstler und Kunstfreunde
Person:
Bouvier, Pierre Louis Ehrhardt, Adolf
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1333609
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1338585
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Fünfundzwanzigstc 
Lection. 
Paletten. 
Alle wahren Künstler werden es aussprechen, dass, wenn die 
Kunst der Malerei nicht in sich selbst so vielen Reiz hatte, wie 
alle diejenigen wirklich empfinden, die sie mit Liebe ausüben, so 
würde es ein sehr besehwerliches Geschäft sein, so viel Vorsicht 
ist dabei zu beobachten, so viel Dinge sind zu überlegen, voraus- 
zusehen und vorzubereiten, der vielen Zeit gar nicht zu gedenken, 
die man der Kunst selbst widmen muss, wenn man einige Fort- 
schritte darin machen will. 
Zu alle dem muss man hinzufügen, dass man so zu sagen 
keinen Tag vorbeigehen lassen darf, ohne mit dem Stift oder dem 
Pinsel zu arbeiten, um die Gelenkigkeit der Hand und die Rich- 
tigkeit des Augenmasses in Uebung zu erhalten, denn sonst 
geht es rückwärts. Selbst in seinen Erholungen, in den Beschäf- 
tigungen zur Erhaltung seiner Gesundheit, auf seinen Spazier- 
gängen ist ein Maler immer mit Gegenständen, die sein Auge 
reizen, beschäftigt; er studirt ihre Formen, die Bewegungen, das 
Colorit und die Details, sowie die schöne Wirkung des Lichts 
und des Schattens; sein Geist und seine Augen sind beständig 
mit Gegenständen seiner Kunst beschäftigt. Noch mehr, er muss 
auch eine gewisse Zeit dem Studium, der Lectüre und seiner 
Ausbildung widmen. Alles dieses füllt das Leben auf eine an- 
genehme Weise aus und hält wohl junge Leute von Abwegen 
und vom Unrecht zurück; allein es ist mehr als zu wahr, dass 
es keinen Stand giebt, in welchem man seine Zeit so sehr be- 
nutzen muss. 
Jeden Tag, gleich früh, muss man anfangen seine Palette 
in 'Stand zu setzen, über die vorzunehmende Arbeit reiflich 
nachdenken und sich mit dem nachzuahmenden Gegenstands 
gleichsam zu identificiren suchen. Denn ein guter Künstler un- 
ternimmt nichts nach bequemer Gewohnheit, jeder Gegenstand 
wird für ihn neu; die Natur ist unerschöpflich in der Man- 
nigfaltigkeit ihrer Schöpfungen, und man würde nichts Gutes 
zu Stande bringen, ohne dieselbe um Rath zu fragen und ihr 
Schritt vor Schritt zu folgen. 
Wohl Weiss ich, dass man fast in jedem Stande, wenn man 
sich auszeichnen Will, demselben alle Augenblicke und fast sein 
ganzes Leben widmen muss. Allein viele, nicht genug unter-
        

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