Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Handbuch der Oelmalerei für Künstler und Kunstfreunde
Person:
Bouvier, Pierre Louis Ehrhardt, Adolf
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1333609
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1337938
Charakteristik der Bäume 
Baumschlags 
des 
etc. 
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eines jeden Blattes wiederzugeben, dies würde ein lächerliches 
Unternehmen sein, allein bis auf einen gewissen Punkt und durch 
eine gewisse leichte Behandlung des Pinsels, die unmöglich genau 
beschrieben werden kann, kann man sich eine Pinselführung, eine 
Technik aneignen, welche das Blatterwerl: einer Eiche, eines 
Nuss-, Kastanien- und Maronenbaums, einer Büster, Espe, Pappel, 
Weide und Akazie etc. charakterisirt. Man sieht zwar das Blatt 
nicht, aber man errath es und der mehr oder weniger sich aus- 
breitende gerade oder gekrümmte Wuchs des Baumes und seiner 
Zweige trägt das Uebrige dazu bei. 
Es ist um so wichtiger, gleich bei dem ersten Anfang dieser 
Art Studien, dass man sich angewöhnt, so genau wie möglich 
nachzuahmen, weil, wenn man einmal eine gewisse Manier des 
Baumschlags angenommen hat, sie mag falsch oder wahr oder 
regelrecht sein, man sie auch nicht mehr verändert, oder nur 
mit vielen Schwierigkeiten. Es verhalt sich damit ebenso, wie 
mit der Schreibkunst, denn wie man die Hand einmal eine ge- 
wisse Art Buchstaben zu malen gewöhnt hat, so behält man diese 
Manier Zeit seines Lebens. 
Man sieht öfters sehr schöne Landschaften, die aber durch 
die einförmige Behandlung eines und desselben Baumschlags für 
alle Bäume verdorben sind. Einige machen Blätter wie Nadeln, 
Andere blos kleine runde Punkte, Andere ein nichts bedeutendes 
Zickzack, ein Anderer stellt immer vier oder fünf Blätter so zu-- 
sammen, wie die Finger an der Hand, oder wie herabfallende 
Sterne, wie man sie an den Maronen- und Kastanienbäumen sieht. 
Dieser Fehler entstellt gute Arbeiten ausserordentlich und bringt 
eine Monotonie darüber, die den Beschauer zurückstösst. 
Auch durch die mehr oder weniger vollen Blatterbüschel an 
den Enden der Aeste kann man die Art des Baumes erkennen. 
Lange Zeit muss man die Natur nachahmen und viel nach der- 
selben malen, ehe man es wagen darf, aus dem Gedachtniss 
oder der Phantasie Baumschlag zu machen, und selbst wenn 
man so weit gekommen ist, darf man es nicht lange anstehen 
lassen, ohne wiederholt vor diesem allgemeinen Meister neue Stu- 
dien zu machen. Er wird uns der Wahrheit allezeit näherführen, 
als alle Copieen nach den besten Landschaftsmalern.
        

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