Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Handbuch der Oelmalerei für Künstler und Kunstfreunde
Person:
Bouvier, Pierre Louis Ehrhardt, Adolf
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1333609
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1337389
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Lection. 
Achtzehnte 
Uebermahung. 
wie sie Rubens öfters machte, Man verschönere also immer 
ein wenig diejenigen Parthieen, die nicht zur wesentlichen und 
genauen Aehnlichkeit gehören. Man hat keineswegs nöthig, das 
Modell von dem, was man in dieser Rücksicht thun will, in Kennt- 
niss zu setzen, man muss nicht einmal deshalb Bedenken äussern, 
sondern man braucht nur dem Modell zu sagen, man könne diese 
oder jene Parthie ohne seine Gegenwart vollenden, und es wird 
wohl damit zufrieden sein. Unterdessen suche man sich für die 
Parthieen, die man etwas verschönern will, ein anderes Modell 
zu verschaffen, zwar von ähnlicher Gestalt, aber vortheilhafter 
von der Natur gebildet, und wenn das Modell dieses zufälliger- 
Weise erfahrt, so entschuldige man sich damit, dass man ihm 
eine Menge Sitzungen habe ersparen wollen; dieses wird hinrei- 
chend sein, die Eigenliebe zu befriedigen. 
Fast alle Personen, die sich malen lassen, geben zu er- 
kennen, sie wollten nicht geschmeichelt sein, sie fügen wohl 
noch sehr vernünftige Gründe hinzu, und werden das wirklich 
in gutem Glauben thun. Allein sollte man nicht wissen, dass 
jeder Mensch, ohne Ausnahme, sich für besser halt, als er wirk- 
lieh ist? Ich sage dieses ohne alle Böswilligkeit, es ist eine 
Wahrheit, welche uns die Zeit und Erfahrung lehrt, die Natur will 
es so haben, und es ist ein Glück. Wenn einige Personen ihre 
Hässlichkeit ahnten, oder nur dass sie lange nicht so gut waren, 
als andere Menschen, deren Gestalt und Ausdruck sie nicht leiden 
können, so würden sie sich nicht mehr vor der Welt sehen lassen, sie 
würden sich unglücklich fühlen und ihren Freunden zur Last fallen. 
Die gute Meinung, die wir von uns selbst haben, ist also 
eine Wohlthat des Himmels, wenn diese kleine Lächerlichkeit nicht 
zu weit getrieben wird; und weil jeder Mensch in diesem Falle 
ist (denn ich nehme Alt und Jung nicht davon aus),_ so halte 
man sich nicht verbunden, die Mahnung, einem Portrait gar 
nicht zu schmeieheln, genau zu befolgen. Man wird es gewiss 
nicht bereuen, man wird die Menschen glücklich, vielleicht gar 
eifersüchtig machen. Allein das Talent, angenehme Aehnlich- 
keiten hervorzubringen, ist nicht Jedermann gegeben und zum 
Theil eine Gabe der Natur.
        

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