Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Handbuch der Oelmalerei für Künstler und Kunstfreunde
Person:
Bouvier, Pierre Louis Ehrhardt, Adolf
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1333609
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1337224
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Achtzehnte 
Lection. 
Uebernlalmmg. 
die geringste Kleinigkeit zerstreuen lassen und den Zuschauer 
ansehen. Es würde dagegen weniger natürlich sein, die Mutter, 
mit anderen Dingen beschäftigt, zu malen, während sie das Kind 
hält, das sie anblickt, und ernstlich zu erkennen gieht, dass man 
sich mit ihm beschäftigen soll 1). 
Nach demselben Grundsatze, nach welchem der Maler selbst 
mit dem Modell, das ihn ansieht, ein Gespräch führen soll, muss 
auch ein Dritter mit der Person sich unterhalten, die mit abge- 
wandtem Blick gemalt werden soll.  
Die Stellung eines Portraits als Brustbild (en buste), oder 
auch als ganze Figur, muss allezeit einfach, leicht und natürlich 
sein. Es ist besser, die Personen in der Ruhe darzustellen, und 
nicht in der Stellung einer Beschäftigung oder einer Arbeit, die 
eine anhaltende Bewegung der Arme und des Körpers erfordert, 
die nothwendige Unbeweglichkeit einer gemalten Figur contrastirt 
sehr unangenehm mit der Bewegung," die man ihr gegeben hat. 
Nimmt man an, eine Person soll wirklich mit einer Arbeit be- 
schäftigt sein, welche ihren Stand oder ihr Gewerbe andeutet, so 
verfahre man so, dass es den Anschein hat, sie habe aufgehört, 
um nachzudenken, um auszuruhen, um mit Jemandem zu sprechen 
u. s. w.; dann kann man das Werkzeug, die Instrumente sehen 
lassen, die in einer Wissenschaft, Kunst oder einem Handwerk 
gebraucht werden, allein ich wiederhole es, die Person muss in 
1) Man muss erwarten, denn dies geschieht täglich, dass Verwandte und 
alle Personen, welche ein Individuum, das man portraitirß. sehr genau kennen, 
in Ansehung der Aehnlichkeit am schwersten zu befriedigen sind, weil sie, da 
sie-täglich mit demselben leben, alle Arten des Ausdrucks und Stimmung im 
Detail kennen, so dass sie sich mit einer allgemeinen Aehnlichkeit nicht be-' 
gnügßn- Hingegen Menschen, welche nicht so vertrauten Umgang mit dem Mo- 
dell haben, bemerken blos sein Benehmen in Gesellschaft und den allgemei- 
nen Charakter seines Ausdrueks, sind viel leichter zu befriedigen und bleiben ge- 
wöhnlich bei der ausserlichsten Aehnlichkeit stehen. Man hört öfters im gemeinen 
Leben sagen: ich habe diese Person da nur ein oder zwei Mal gesehen, und 
doeh erkenne ich sie sogleich in ihrem Portrait. Dies ist keineswegs ein Be- 
weis von einer vollkommenen Aehnlichkeit, sondern die vertrautesten Freunde 
müssen vollkommen damit zufrieden sein; allein dies findet selten Statt, denn 
man kann in einen und denselben Kopf nicht mehrere Arten des Ausdrucks zu 
gleicher Zeit malen.
        

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