Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Handbuch der Oelmalerei für Künstler und Kunstfreunde
Person:
Bouvier, Pierre Louis Ehrhardt, Adolf
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1333609
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1337217
Portraits mit 
Blick. 
abgewandtem 
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fast alle, dass das Portrait sie ansehen soll; ihrer Zuneigung 
wird dadurch mehr genügt, und wenn man ihnen den Blick dieses 
geliebten Gegenstandes entzöge, so würden sie auf ihrer Seite 
eine Art von Ungeduld und Unzufriedenheit empfinden. Da sie 
im Anschauen" einer Person, dieihnen lieb ist, nicht ermüden, so 
verlangen sie auch, dass diese Person den Anschein habe, sich 
mit ihnen zu beschäftigen, und ihre Blicke nicht abwende. Man 
befrage daher die Verwandten und Freunde des Modells wegen 
der Wahl des Blicks, ehe man die Stellung fest annimmt, und be- 
denke, dass wir ebenso wohl zu ihrer Zufriedenheit, als zu der 
unsrigen zu arbeiten haben. 
Wenn man ein Familienportrait zu malen hat, worauf drei, 
fünf, sechs und mehrere Personen vorkommen, so ist es eine an- 
dere Sache.  In diesem Falle muss dem Künstler schlechterdings 
die Freiheit gelassen werden, den Blick der verschiedenen Figuren 
zu verändern, sonst entsteht eine widrige und lächerliche Com- 
position. Der Einsicht des Künstlers bleibt es überlassen, so dass 
man ein wahrscheinliches Motiv für diese verschiedenen Blicke 
annehmen kann. Es wird uns nicht schwer sein zu unterscheiden, 
für welche Figuren der abgewendete Blick, oder der Blick in das 
Gesicht des Malers passend ist. 
In dergleichen Gompositionen sind Vater und Mutter die 
wichtigsten Personen, und da nach dem Lauf der Dinge diese 
eben diejenigen sind, welche ihren Kindern entrissen werden, so 
ist es natürlich, dass eben diese Kinder, wenn die Eltern nicht 
mehr sind, sich daran erfreuen wollen, dass die Blicke der Eltern 
noch auf sie gerichtet sind. Jedoch muss man dieses nicht als 
eine unabanderliche Regel annehmen; es giebt tausend Bedenken, 
die man nicht voraussehen kann, und die man von dem Ge- 
sehmack und der Einsicht des Malers muss beurtheilen lassen, 
ohne jedochden ausdrücklichen Willen der Verwandten dabei zu 
vergessen. Ich will nur ein Beispiel anführen. Eine Mutter, 
welche ein kleines Kind in ihrem Schoosse halt, muss alle müt- 
terliche Sorgfalt fiir dieses Kind ausdrücken, und wenn die ge- 
wählte Stellung es nicht erlaubt; dass beide Figuren den Zu- 
schauer ansehen, so ist es natürlich, dass die Mutter ihren liebe- 
vollen Blick auf ihr Kind Wendet, denn das Kind kann sich durch
        

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