Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Handbuch der Oelmalerei für Künstler und Kunstfreunde
Person:
Bouvier, Pierre Louis Ehrhardt, Adolf
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1333609
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1337170
Allgemeine 
fiathschli 
für 
igü 
Portrnitmaier. 
273 
Wollte man bei einer langen Sitzung (und sie scheinen dem 
Modell immer so) zu dem gewöhnlichen Niittel, die Zeit zu ver- 
kürzen, seine Zuiincht nehmen, dass man den dritten Theil der 
Zeit hindurch vorlesen lässt, so wird man diesen Zweck nur zum 
Theil erreichen. 
Von diesem Hülfsmittel muss man blos Gebrauch machen, 
wenn man Parthieen malt, die zum Ausdruck nichts beitragen, 
als Ohren, Hals, Brust, Schultern, Haare, und überhaupt alle 
Nebendinge; allein in Betreff des Gesichts kann ich nicht dazu 
rathen, und zwar aus folgender Ursache. Es ist gewiss, dass 
eine interessante Lectüre das Modell angenehm zerstreut, allein 
wenn diese Lectüre nicht von leichter Art, sehr geistreich und 
zugleich sehr heiter ist, und die Person, die liest, nicht recht gut 
vorliest, wie dieses selten der Fall ist, so wird man wenig dabei 
gewinnen. In der That, das Modell wird weniger beweglich, aber 
sein Ausdruck stumm sein; die Person, welche hört, empfängt 
zwar innerlich die verschiedenen Eindrücke, welche die Lectüre 
in ihrem Geist hervorbringt; aber sie sind nur wenig in der Phy- 
siognomie sichtbar, die Zuge verhalten sich leidend, weil sie nichts 
ausdrücken und nichts aus der Seele der Person selbstimitzuthei- 
len haben, und das Modell wird, ausser einem vorübergehenden 
Lächeln, weiter nichts als eine nachdenkende und gesammelte 
Physiognomie darbieten, die meistentheils sich zur Traurigkeit 
neigt, oder wenigstens zur Betrachtung: ein Ausdruck, der nur 
bei einer kleinen Anzahl Personen gewöhnlich ist. 
Nach dem, was wir eben jetzt auseinandergesetzt haben, ist 
es nicht nöthig, uns noch über die Unbequeinlichkeiten auszu- 
sprechen, eine lesende Person zu malen. Soll diese Stellung 
natürlich erscheinen, so muss Kopf und Körper gegen das Buch 
mehr oder weniger geneigt sein: dies raubt dem Maler nicht 
allein den Blick des Auges, in welchem der grösstg Theil der 
Aehnlichkeit und des Ausdrucks liegt, diese gebeugte Stellung 
verändert auch noch durch die Verkürzungen, die sie hervor- 
bringt, die wirklichen Proportionen des Gesichts. Der Kopf wird 
in der That vorwärts geneigt, wodurch viel mehr von dem oberen 
Theile des Kopfes zu sehen ist; die Nase wird viel länger er- 
scheinen, im Ykargleich mit dem unteren Theile des Gesichts, das 
bouvier, Oelmalerei. 4. Aufl. 18
        

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