Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Handbuch der Oelmalerei für Künstler und Kunstfreunde
Person:
Bouvier, Pierre Louis Ehrhardt, Adolf
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1333609
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1337128
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Achtzehnte 
Lection. 
mlung. 
Ilebern 
1) weil wirklich alle ihre Mängel gemeiniglich übertrieben sind, 
2) auch selbst, wenn sie es nicht waren, sie es glauben müssen; 
denn wenn diese Personen sich im Spiegel betrachten, so sind 
sie keinem "seitwärts oder fast senkrecht einfallenden Lichte aus- 
gesetzt, wie man es gewöhnlich für die beste Wirkung in der 
Malerei einrichtet; und noch mehr, sie betrachten sich meisten- 
theils im vollen Licht, welches alle diese starken Runzeln, sowie 
alle Schatten, vermindert. 
Aber, kann man" sagen, wenn ein Maler sich eine Beleuchtung 
einrichtet, die für die Person nicht günstig ist, Warum wählt er 
nicht eine viel sanftere, warum stellt er sein Modell nicht dem 
Lichte gerade gegenüber? 
und nicht zu beschreibenden Kleinigkeiten, welche das unmittelbare und noth- 
wendige Resultat einer Uebereinstinnnung sind, deren Ursachen wir nicht ken- 
nen, die uns aber aufstossen, indem sie eine Analogie des Ausdrucks bewirken 
in Gestalten, die sonst so verschieden sind.- Uebiigens wenn man fragt, durch 
welche Kunst der Maler dieses je ne sais quoi, das man den eigenthümlichen 
Ausdruck eines Individuums nennt, auifassen kann (denn Jeder hat das seinigc, 
sowie Jeder einen Ton der Stimme hat, woran er kenntlich ist), so würde man 
sehr verlegen sein, diese Frage bestimmt und genugthuend zu beantworten. 
Was mich betrifft, so bin ich überhaupt ziemlich glücklich, Aehnlichkeiten 
zu treifen; mein ganzes Geheimniss besteht in Folgendem. Nachdem ich die 
Hanptverhaltnisse angedeutet, so suche ich mir die wahre Physiognomie meines 
Modells eigen zu machen, ich nöthigc es mit mir zu sprechen, ohne dass es 
meine Absicht bemerkt. Alsdann studire ich das Spiel seiner Muskeln, wenn 
sie bei der Unterhaltung in Bewegung sind, damit ich mich dessen erinnern 
kann, wenn Ueberdruss, Ermüdung, oder eine andere Stimmung des Gemüths 
den Ausdruck seines Gesichts verändern sollte. Ich vermeide also, dass ich 
ihm das eine,Auge traurig, das andere heiter mache, oder einige Zügc auf 
einer Seite abgespannt, auf der anderen dagegen gehoben und angeregt. Genug, 
ich arbeite, ich suche, und lasse nicht eher nach, als bis das Portrait mich 
selbst an die Person erinnert, und dass die Aehnlichkeit gleichsam so gross ist, 
dass ich bei Ansicht desselben glaube, den Ton seiner Stimme zu hören und 
den Gang seiner Ideen wieder zu erkennen. Wenn der Maler so weit ist und 
er nach einigen Stunden der Ruhe seine Arbeit von Neuem ansieht und nicht 
selbst von der Aehnlichkeit getroffen ist, so schmeichle er sich ja nicht, seinen 
Zweck erreicht zu haben. Er muss alsdann sein Portrait von Neuem über- 
arbeiten und sich zwei _oder drei Tage zur Erholung ausbitten, in welcher Zeit 
er es gar nicht ansieht, damit er desto sicherer überrascht wird, wenn er sein 
Modell wieder sieht und das verbessern kann, was zur wahren Aehnlichkeit 
noch fehlt. Das Talent für Aehnlichkeit kann fast nicht erworben werden, 
man muss dazu Anlage haben, sowie ein Sauger ein richtiges Gehör haben muss. 
Es giebt grosse Maler, die für die Portraitmalerei kein Talent haben.
        

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