Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Handbuch der Oelmalerei für Künstler und Kunstfreunde
Person:
Bouvier, Pierre Louis Ehrhardt, Adolf
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1333609
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1336351
der 
der Halbtöne , 
Schatten. 
191 
in der lebenden Natur. Dies ist nothwendig; denn wenn man 
diesen Weg nicht befolgt und man bei der Untermalung alle 
kalten grauen Töne anbringen will, die man sieht, so wird man in 
der Folge bei der Vollendung des Gemäldes weder die Tiefe, noch 
die geheimnissvolle Zartheit des Tones erhalten, woraus doch 
die sanfteste Harmonie des Colorits entspringt. Allein man muss 
deswegen die Schatten nicht starker oder dunkler anlegen, als 
sie sein sollen; im Gregentheil etwas schwacher, besonders bei 
der Untermalung. Denn ausserdem, dass die Schatten geneigt 
sind nachzudunkeln, wie dies bei allen Oelfarben geschieht, so 
ist es überhaupt übel, wenn man bei der Uebermalung einen 
helleren Ton auf einen dunkleren legen soll; denn diese Stellen 
werden trübe und mehlicht, und verlieren die schöne Durchsich- 
tigkeit, die man in den Schatten sorgfältig bewahren muss. Die 
helle, zum Decken darüber getragene Farbe erscheint wie ein 
Nebel, ein Flor, oder wie Staub. Es macht eine unangenehme 
Wirkung auf das Auge, und die Parthie verliert den Schein der 
Wahrheit, d. h. das Aussehen der Fleisehfarbe ohne Beleuchtung. 
Man halte also bei der Untermalung die grossen Schatten 
etwas wärmer und nicht so dunkel, als sie werden sollen, woraus 
sich mancherlei Vortheile ergeben, wenn man diese Anlage, nach- 
dem sie trocken ist, übermalt, um die Arbeit zu vollenden. Man 
trage seine Farben dreist, frei und gleichförmig auf, ohne sie zu 
quälen; man vermeide, mit dem Pinsel eine in die andere zu 
vertreiben, denn dadurch muss man die verschiedenen Töne der 
Farben nicht in einander fliessen und übergehen 1383611, Sondern 
man tragt mit Ueberlegung in fast unmerklicher Folge die Töne 
an die Seite der anderen, deren Verbindung man beabsichtigt, auf. 
Man darf sich nicht eher mit der Vereinigung aller dieser Gra- 
dationen beschäftigen, als bis alle Töne an Ort und Stelle sind 
und der Kopf in einer gewissen Entfernung sich schon durch die 
blosse stufenweise Zusammenstellung der Töne rundet 1). Ohne 
L 
 1) Man sagt,' ein Kopf oder anderer Gegenstand rundet sich gut, wenn 
dxe Modellirung sich deutlich nachfühlen lässt, so dass nicht der geringste 
Zweifel entsteht, welche Parthieen dem Auge des Beschauers näher, welche 
fenner sind. Dies lässt sich ebenso gut auf eine Brust, auf ein Glied, auf eine 
Säule, eine Vase u. dgl. anwenden, wie auf einen Kopf.
        

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