Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der deutschen Renaissance
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1309821
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1320011
Nachtrag und Nachwort. 
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erstenmal im Norden das Aufblühen einer eigentlichen Profan- 
kunst hervorrief. Dazu kommen fördernde Verhältnisse äusserer 
Art: in den Städten ein durch Handel und Gewerbthätigkeit 
reich gewordenes Bürgerthum, das für seine gesteigerten und 
verfeinerten Lebensbedürfnisse im Bau und der glänzenden Aus- 
stattung prächtiger Wohnhäuser einen Ausdruck suchte, zugleich 
kurz vor dem Zusammensturz der alten reichsstädtischen Macht 
und Herrlichkeit diese noch einmal in grossartigen Rathhäusern 
und anderen öffentlichen Bauten verkörperte. Daneben das mo- 
derne Fürstenthum, damals eben zu selbständiger Bedeutung er- 
starkt, voll Eifer nicht blos sein höfisches Leben der feiner ge- 
wordenen Sitte und einer allgemeineren Bildung anzupassen, 
sondern auch den Begriff der modernen Fürstengewalt in staat- 
lichen Neugestaltungen, in Recht und Verwaltung, in Kirche und 
Schule festzustellen und dies ganze vielseitige Streben durch An- 
lage glänzender Schlösser, Lusthäuser und Gärten, aber auch 
durch Gebäude für die Verwaltung, für Schule und Kirche zum 
kräftigen Ausdruck zu bringen. Im Verlaufe der Entwickelung 
schliesst sich dann der Landadel diesen Bestrebungen wetteifernd 
an und verwandelt seine mittelalterlichen Burgen in stattlich ge- 
schmückte Herrensitze. Rechnen wir dazu die unabsehbare Zahl 
von Grabdenkmälern jeglicher Art, welche der religiöse Sinn in 
eigenthümlichem Bunde mit der gesteigerten Werthschätzung der 
Persönlichkeit überall hervorbringt, endlich die nicht geringe Reihe 
von Werken kirchlich dekorativer Kunst, von Kanzeln, Altären, 
Lettnern, Sakramentsgehäusen, Orgeln u. dgl., welche immennoch 
verlangt und ausgeführt wurden, so haben wir eine Erscheinung 
von kaum übertroffener Mannigfaltigkeit. Erst indem W11' diese 
Welt von Schöpfungen erkennen und würdigen, bemächtigen wir 
uns eines unentbehrlichen Materials für das Verständniss der 
grossen Kulturbewegung des 16. Jahrhunderts. 
Aber auch die rein ästhetische Seite des Gegenstandes darf 
nicht unterschätzt werden. In unsrer schulmässigen Bildung sind 
wir gar zu schnell geneigt, nach dem Gesichtspunkt Sogenanrlter 
Stilreinheit alle Schöpfungen zu beurtheilen. Wlnmerken nicht 
dass es gar oft nur die künstlerische Impotenz 1st, welche 111 
solcher formellen äussern Correctheit einen Deckmantel für ihre 
Armuth sucht. Correkt sind nun die Werke unsrer deutschen 
Renaissance noch weit weniger als die der franlöeieehenä elleh 
von Stilreinheit kann kaum die Rede sein; WO der ganze Verlauf 
der Entwickelung darin besteht, dass sich die mittelalterliche 
Tradition mit der antiken Formenwelt, dass sich d1e heimische 
Sitte des Nordens mit der Kunst des Südens in Ausgleich setze.
        

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