Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Das Wesen der Kunst. Grundzüge einer realistischen Kunstlehre. Erster Band
Person:
Lange, Konrad
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39789/391/
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ästhetischen Wert einer solchen phantastischen Kunst in ihrem 
Inhalt zu suchen. Das Phantastische als Inhalt, d. h. als blosse 
Steigerung oder Veränderung der Natur hat an sich nicht den ge¬ 
ringsten ästhetischen Wert, ist überhaupt gar nichts Ästhetisches. 
Die Behauptung unserer idealistischen Ästhetik, der Beschauer 
werde dadurch in eine höhere ideale Sphäre emporgehoben, der 
niederdrückenden Alltäglichkeit des Daseins entzogen, erweist sich 
diesen halbtierischen Vertretern einer niederen Sinnlichkeit gegen¬ 
über als völlig unhaltbar. Eher könnte er durch sie in eine niedere 
Sphäre herabgezogen werden. Das Entscheidende ist vielmehr, 
dass er überhaupt in eine andere Sphäre versetzt wird, und das 
hegt im Wesen der Kunst, nämlich darin, dass sie keine Wirk¬ 
lichkeit sondern Schein ist. Das Schöne am Kunstwerk ist also 
nicht die im Inhalt liegende Veränderung der Natur, sondern das 
was bei dieser Veränderung Illusion erzeugt, d. h. die Glaubwürdig¬ 
keit der Schilderung. Es ist also falsch, diese „Phantasiekunst“ 
gegen den Realismus auszuspielen. Man zeigt damit nur, dass 
man das ästhetische Problem nicht verstanden hat. 
Und wenn man die Kunst Boecklins so lange verkennen konnte, 
so erklärt sich das einfach daraus, dass man sich früher überhaupt 
nicht klar machte, was das Schöne sei. Man stiess sich an der Häss¬ 
lichkeit dieser Geschöpfe, an ihrem wilden, sinnlichen Ausdruck, 
weil man glaubte, das Schöne bestehe in bestimmten „schönen“ 
Formen, einem bestimmten „schönen“ Ausdruck. Aber die An¬ 
gemessenheit an den dargestellten Inhalt verlangt hier gerade das 
Hässliche und Sinnliche des Ausdrucks. Denn Hässlichkeit und 
Sinnlichkeit gehören ja eben zum Wesen dieser Geschöpfe dazu. 
Also kann man auch gar nicht wünschen, sie in der Kunst schön 
und gesittet zu sehen. Der Fehler des Bildungsphilisters, dem 
diese Kunst nicht gefällt, besteht eben darin, dass er die Schönheit 
des Kunstwerks in den Reizen der ersten oder zweiten Vorstellungs¬ 
reihe allein sieht, statt in dem Verhältnis beider zueinander. 
Übrigens ist an dieser langen Verkennung Boecklins auch die 
Kritik schuld, die das Wesen seiner Kunst immer in ihrem phan¬ 
tastischen Inhalt und der dadurch bedingten Abweichung von der 
Natur gesucht hat, statt in dem, worin es wirklich besteht, nämlich 
dem intimen Naturgefühl, mit dem diese Dinge gemalt sind. Und 
wenn man diese Kunst gar gegen die Illusionsästhetik ins Feld 
führen will, indem man behauptet, sie sei ja der beste Beweis, 
dass es nicht auf die Übereinstimmung der Kunst mit der Natur
        

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