Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der deutschen Renaissance
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1309821
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1310866
Kap 
Anfänge deutscher Renaissance bei Malern und Bildhauern. 
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merken. 1) Die Einfassung ist noch gothisch (Fig. 1), und auch auf 
den Flügelbildern sieht man gothische Bogenstellungen gemalt?) 
Dagegen hat der Künstler den Thron, auf welchem Christus und 
Maria sitzen, mit einer Rücklehne von durchbrochenen Arkaden 
ausgestattet, welche auf kleinen korinthischen Pfeilern ruhen und 
von grösseren korinthischen Pilastern eingefasst werden. Auf 
den Kapitälen der Pilaster knieen Engel, welche ausgespannte 
'l'eppiche halten; den Abschluss der Balustrade bilden Delphine, 
Welche in freiem Rankenwerk enden. Auffallend ist schon an 
diesem Blatte, wie überlegen an ornamentaler Fülle und Pracht 
die Renaissanceformen den dekorativen Elementen einer fessellos 
gewordenen Gothik erscheinen. Dennoch wendet der Künstler 
beide Stile neben einander an, und das bleibt fortan für längere 
Zeit das Verfahren fast aller deutschen Meister. Sie stehen damit 
im Gegensatze sowohl zu ihren italienischen Zeitgenossen, Wie 
Zur Auffassung unserer Tage. Wir Modernen, auf Einheit deS 
Stils und Reinheit der Formen bedacht, verstehen schwer das 
naive Gebahren einer Zeit, der es in erster Linie auf ornamentale 
Pracht, auf Bereicherung der Formenwelt ankommt. Schon die 
Spättgothik hafte diese Richtung begünstigt, denn seitdem daS 
strenge constructive System des Mittelalters sich gelockert hatte, 
war selbst mit den eigentlichen Grundelementen der Construetion, 
namentlich mit den Gewölbrippen ein Willkürliches ornamentales 
Spiel getrieben werden. Diese Richtung musste sich noch stei- 
gern, sobald man die Formen einer fremden Architektur kennen 
lernte. In Italien hatten die Meister der Renaissance die letzten 
Anklänge an das Mittelalter bald überwunden und waren zu eillenl 
Stil durchgedrungen, dessen ungemischte Schönheit ein klassischer 
Ausdruck des hohen künstlerischen Sinnes ist, welcher damalS 
die Nation erfüllte. Ganz anders in Deutschland. Die Wilde 
Gährung-, in welcher sich bis tief ins seehzehnte Jahrhundert die 
Tendenzen der neuen Zeit gegen die Ueloerlieferungen des Mittel- 
alters durchzukämpfen hatten, liessen ein so reines, S0 all- 
gemeines Schönheitsgeftihl nicht aufkommen. Alle nordischen 
Schöpfungen der Zeit tragen mehr oder minder das zwiespältige 
Wesen der Epoche an der Stirn. Stilreinheit, höchste Läuterung 
der Form dürfen wir daher hier nirgends erwarten; W011i aber 
eine Kraft und Lebensfülle, welche, unbekümmert um all diese 
Gegensätze, das scheinbar Widerstrebende mit frischem Sinne 
1) Marggraffß Katalog der Augsb. Gemäldegalerie NIQÜ- 
Durchzeichnung, nach welcher unsere Abbildung angefertigt 1st, 
ich der Güte der Herren E. von Huber und Sesar. 
 2) Die 
verdanke
        

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