Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der deutschen Renaissance
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1309821
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1310802
Kap 
Anfänge deutscher Renaissance bei Malern und Bildhauern. 
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Um so auffallender daher, dass zweimal, und zwar in freier 
künstlerischer Erfindung, der Spitzbogen dennoch angewendet 
ist: das eine mal auf Blatt 7 an der Pfoite des Paradieses, und 
zwar mit allen Ausschweifungen der späten Zeit, das andere 
mal bei der idealen Restauration des Salomonischen Tempels 
auf Blatt 6GB. Dass in der Darstellung der Städte, mögen sie 
nun antik oder modern sein, mögen sie Deutschland oder Italien, 
Grrieehenland oder dem Orient angehören, die herkömmlichen 
Formen des Mittelalters hauptsächlich zur Verwendung (kommen, 
kann uns nicht Wunder nehmen, denn es geschieht in demselben 
naiven Sinne, der das ganze 15. Jahrhundert hindurch fin Italien 
wie im Norden die Kunst beherrscht und keinen Anachronismus 
darin empfindet, antike Götter und Helden oder biblische Ge- 
stalten in die Kleider der eigenen Zeit zu stecken. Daneben 
aber macht sich durchgängig auch ein Einfluss der italienischen 
Renaissance geltend, vor allem in den überaus zahlreichen Central- 
und Kuppelbauten, sowie in den kuppelartigen Abschlüssen der 
Thürme. 
In anderer Hinsieht aber tritt die mittelalterliche Anschau- 
ungmit ihrer Gleichgültigkeit gegen das Reale, ihrem Hange zu 
qwhantastiseher Willkür ganz unvermittelt in behaglicher Breite 
hervor. Wenn Ninive, Damaskus, Babylon, Athen, Nißäß Sißll 
ganz wie deutsche Städte des Mittelalters darstellen, S0 Wundern 
wir uns darüber nicht; wenn aber Ninive genau so ausSiellt Wiß 
Korinth, Damaskus genau so wie Neapel, Perugia, Verona, Siena, 
Mantua, Ferrara; wenn ferner Nicaa in nichts zu unterscheiden 
ist von Padua, Marseille, Metz und 'llrier; wenn Troja zum Ver- 
wechseln gleich ist mit Tibur, Ravenna, Pisa, Toulouse u. s. w., 
so heisst dies allerdings der Phantasie etwas zumuthen. In der 
That ist es so: einige Holzstöeke haben sich gefallen lassen 
müssen wiederholt abgedruckt und mit verschiedenen Städte- 
namen versehen zu werden. l) Am wunderlichsten dabei, dass 
dies Verfahren selbst auf benachbarte deutsche Städte angewendet 
avird; am naivsten vielleicht bei Magdeburg (Bl. 180), dessen 
eine Hälfte einfach die Wiederholung des Holzstockes ist, welcher 
auf Bl- 39 Paris vorstellt, wozu aber noch ein Holzstock gefügt 
1) Dies naive Verfahren lässt sich noch bis tief ins 16. Jahrh. verf0lgen_ 
Stumpffß Schweizer Chronik (Zürich 154a in s Bfln. m) eines der 
vorzüglichsten Holzsehnittwerke der Zeit ,verwendet für die läelagerunr 
zu Florenz (I. 131- 74) und von Neapel  Bl. S2) denselben Holzstocl? 
ebenso für Rom (1- 116), Dßmiette (I. 247), Tournay (I. 1ss). Dagegen e; 
freuen sich wenigstens die Städte der Schweiz einer charakteristischen im 
Ganzen richtigen Darstellung.  ' 
Kuglcr, Gesell. d. Baukunst. V. 4
        

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