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III. Buch.
Renaissance in Deutschland.
reliefs, die von ganz barocken Voluten und anderen Ornamenten
desselben Stiles eingefasst werden. Sie ruht auf einer Engelsfigur
und zeigt am Geländer der Treppe die vier Evangelisten, an der
oberen Brüstung Moses und Johannes den 'l'äufer, auf dem Deckel
den zum Himmel fahrenden Christus, Alles in sehr manierirten
Formen. Der Gesammteindruck des Innern ist auffallend niedrig,
aber weit und geräumig, durch die prächtige Ausstattung reich.
Jedenfalls ist die Kirche ein interessanter Versuch, das pro-
testantische Gotteshaus, im Widerspruch mit aller Tradition, aus
rein rationellen Gesichtspunkten zu gestalten. Aus Schiekhardfs
Aufzeichnungen erfahren wir, dass der ganze Kirchenbau über
22,000 Gulden gekostet hat. Der Maler Jacob Zuberlein er-
hielt die ansehnliche Summe von 4451 fl.; der Bildhauer dagegen,
der nicht einmal mit Namen genannt wird, nur 570 fl.
Heinrich
Schickhardt.
Ich unter-breche hier den Gang der Beschreibung, um das
Lebensbild eines Baumeisters jener Zeit zu entwerfen. Je weniger
wir von den Studien und dem Leben unserer damaligen Archi-
tekten wissen, um so werthvoller ist es für uns, dass der künst-
lerische und literarische Nachlass Schickhardfs zum Theil noch
erhalten ist. Derselbe wird auf der öffentlichen Bibliothek zu
Stuttgart aufbewahrt, und besteht aus drei Quaitheften, in
welchen er seine Reiseerinnerungen aufgezeichnet hat, aus einem
starken Folianten, der sein Inventar enhält, und endlich einer
Anzahl einzelner Blätter mit Zeichnungen meist mechanischen
Inhalts. Fügt man dazu die zahlreichen, vielfach von Rissen be-
gleiteten Bauakten, welche das Staatsarchiv in Stuttgart auf-
bewahrt, so lassen sich daraus die Mittheilungen seines ver-
dienstvollen Biographen nach manchen Seiten vervollständigenß)
Heinrich Schickhardt wurde 1558 in der Stadt Herrenberg,
einige Meilen südwestlich von Stuttgart, geboren. Sein gleich-
namiger Grossvater war ein kunstreicher Bildschnitzer, wie man
aus dem 1517 von ihm vollendeten Chorgestühl der dortigen
Stiftskirche erkennt. Sein Vater scheint Schreiner und Werk-
meister gewesen zu sein. Der junge Schickhardt hat wahrschein-
lich die in gutem Ruf stehende lateinische Schule seiner Vater-
stadt besueht, denn dass er des Lateinischen nicht unkundig
Heinrich Schiekhard's Lebensbeschreibung von_ Eberharrd v. Gem-
mingen. Tübingen 1821. Ich bemerke, dass der Melster selnen Nmnen
stets Schiekhardt schreibt.