Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der deutschen Renaissance
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1309821
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1313401
Kap 
VIII. 
Die pfälzischen Landg. 
Heidelberg. 
309 
die feinen Pilaster und Halbsäulen unterordnen, erinnert an 
jene Stufe des italienischen Palastbaues, welche durch Leo 
Battista Alberti begonnen und durch Bramante vollendet wird. 
Im Charakter dieser Frührenaissance ist es auch, dass der Meister 
die Gesimse ausschliesslich für die einzelnen Stockwerke com- 
ponirt und kein mit Rücksicht auf das Ganze gestaltetes krönen- 
des Gesimse anwendet. Ein solches konnte er um so weniger- 
gebrauchen, da sonst seine Dachgiebel von der Facade zu scharf 
getrennt worden waren. Dazu fügt er nun eine plastische Be- 
lebung in Ornamenten aller Art und in figürlichem Schmuck, Wie 
sie so reich selbst im verzierungslustig-en Mailand und Venedig 
oder sonstwo in Oberitalien kein Profanbau kennt. Man hat wohl 
auf die üppige Facadc der Certosa von Pavia hingewiesen; aber 
dort galt es einen kirchlichen Bau mit den höchsten Mitteln der 
Marmorplastik auszustatten, und allerdings sind die Bekrönungen 
der Fenster, sowie die in Statuen aufgelösten Pfeiler das erste 
epochemachende Beispiel dieser Art von Decoration. Zutreffender 
aber ist der Vergleich mit den Backsteinfacaden Oberitaliens, 
denn so gut die feine Flachenverzierung von Bramantds späteren 
römischen Bauten nur von jenen Backsteinfacaden ausgeht, 
so und in noch höherem Grade erinnert der Otto-Heinrichsbau 
an jene oberitalienischen, mit Terracotten bekleideten Palast- 
facaden. Derselbe Reichthum, dasselbe zarte Relief der Flächen- 
decoration, dieselbe Sparsamkeit in den Ausladungen sämmtlicher 
Glieder. Der schöne, warm röthliche Ton des Heilbronner Sand- 
steins verstärkt noch die Wirkung, so dass man in der That eine 
Incrustation von Terracotten zu sehen glaubt. Im Uebrigen aber 
geht der ausgezeichnete Baumeister selbständig seinen Weg, und 
indem er die verschwenderische Ueppigkeit der Oertosa, wo Alles 
in plastischem Ornament fast erstickt, vermeidet, giebt er seiner 
Facade die denkbar höchste decorative Pracht, weise gezügelt 
durch die architektonischen Grundgesetze der Composition. rWohl 
könnte man die grossen Hauptlinien etwas markiger betont wün- 
schen, aber die harmonische Stimmung und der ruhige Adel des 
Ganzen dürfte leicht dadurch zerstört werden. So wie die Facade 
vor uns steht, ist sie der edelste Spiegel und die höchste Blüthe 
des deutschenvHumanismus in seiner vollen Idealitat. Dass an 
einen italienischen Meister nicht zu denken sei, hat man langst 
erkannt. Ebenso wenig kann man auf einen französischen ver- 
muthen. Man braucht nur die höchste, ungefähr gleichzeitige 
Leistung des französischen Palastbaues, den innern Hof des Louvre 
in Vergleich zu ziehen, um des Unterschieds inne zu werden, um 
den selbständigen deutschen Charakter unseres Baues zu erkennen.
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.