Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der deutschen Renaissance
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1309821
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1312573
226 
III. 
Buch. 
in Deutschland. 
Renaissance 
ernsteren Zeitgenossen beklagt und scharf getadelt wurde. Sogar 
in mancher Inschrift auf den alten gemalten Oefen erfährt diese 
Unsitte eine Rüge. Eine solidere Bereicherung ihres Wohlstandes 
gewann die Schweiz in Folge des langen Friedens durch den 
Aufschwung, welchen Handel und Gewerbe nahmen. Ein starker 
Verkehr mit Italien fand noch immer statt; der Leinwandhandel 
St. Gallens blühte; im Seidengewerbe hatte Zürich selbst den 
oberitalienischen Städten lebhafte Concurrenz bereitet. Besonders 
aber gewann die Schweiz als Durchgangsgebiet der italienischen 
Waaren nach den nördlichen und westlichen Ländern Erhebliches 
an Abgaben und Zöllen. 1) Mit vollem Eifer wandte man nun 
im Sinne der Zeit das Erworbene auf glänzende Ausstattung des 
gesammten Lebens, und die Kunst, aus dem Dienste der Kirche 
grossentheils entlassen, giebt sich der Ausstattung des Wohn- 
hauses und der öffentlichen städtischen Gebäude hin. In der 
Schweiz kommt in Folge der laolitischen und sccialen Verhält- 
nisse die Kunst dieser Zeit zum ersten Mal zu einer rein bürger- 
lichen Stellung. Sie baut und schmückt das städtische Rathhaus, 
die Schützensäle und die Zunftstuben, das Wohnhaus des reichen 
Bürgers und des wohlhabenden Landmannes. Von dem präch- 
tigen Eindruck der damaligen Schweizerstädte giebt Michel de 
Montaigne eine lebendige Schilderung. Er rühmt die breiten 
Strassen, die ansehnlichen, mit Brunnen geschmückten Plätze. i) 
Die Städte seien schöner als die französischen, die Facaden der 
Häuser mit Gemälden bedeckt, das Innere der Wohnungen durch 
Glasgemälde, prachtvolle" Oefen und glasirte Fussböden ausge- 
zeichnet. 3) Auch die trefflichen Eisenarbeiten sind ihm nicht 
entgangen. 
Obwohl im Einzelnen auch hier noch sehr lange an mittel- 
alterlichen Formen festgehalten wird, gothische Portale und an- 
dere Details selbst noch im 17. Jahrhundert vorkommen, z. B. 
an mehreren Privathäusern in Luzern 4) und am Gemeindehause 
zu Näfels, tritt doch die Renaissance hier so früh auf wie kaum 
in den übrigen deutschen Gebieten. Nicht bloss die nahen und 
häufigen Berührungen mit Italien führten dazu, sondern auch 
das Wirken mehrerer tüchtiger Künstler, wie Urs Graf, Hans 
Holbein, Niclas Manuel, die grade hier zuerst dem neuen Stil 
Bahn brachen. Zunächst hat dieser dann in den bemaltenFaca- 
1) Ueber diese Verhältn. vgl. die treffliche Schweizer Chronik von Joh. 
Stumpif. Zürich 1548. fol.  2) M. de Montaigne, Journal de voyage I, 
D; 44-  3) Ebenda I, p. 35.  4) W. Lübke, Gesell. der Architektur 
IV Aufl. S. 583. Man findet Datirungen von 1618 u. 1624.
        

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