Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der deutschen Renaissance
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1309821
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1310399
III. 
Buch. 
Renaissance in Deutschland. 
Allgemeiner Theil. 
ein Lenz mit aller Blüthenfülle, aber auch mit verheerenden 
Stürmen. All dies gewaltige Ringen und Regen lässt sich im 
letzten Grunde darauf zurückführen, dass das Individuum sein 
Recht, seinen Anspruch auf Freiheit des Denkens und Empfin- 
dens geltend machte. Daher wurde das Auftreten des Humanis- 
mus zugleich das Signal zum Kampf gegen die Allgewalt der 
Kirche. In Italien, wo dieser Kriegszug seine Theilnehmer aus 
allen Klassen der Gesellschaft erhielt, wo das Banner der freien 
Wissenschaft nicht bloss bürgerliche Gelehrte, sondern den Adel, 
die Fürsten, den Statthalter Christi versammelte, gewann die 
literarische Bewegung einen überwiegend formalen, zugleich aber 
in sittlicher und religiöser Hinsicht einen mehr destruktiven als 
positiven Charakter. In Eleganz der Form, in Anmuth, durch- 
sichtiger Klarheit der Rede mit den Alten zu wetteifern war das 
erste Ziel. Zugleich aber füllten die antiken Anschauungen, wel- 
chen man sich im naiven Glauben, das Werk der römischen Vor- 
fahren in ihrem Geiste fortsetzen zu können, unbekümmert hin- 
gab, die Geister mit einem Skepticismus auf religiösem Gebiet, 
welchem durch die Sittenlosigkeit der höchsten kirchlichen Würden- 
träger Nahrung gegeben wurde. 1) Es entstand eine Frivolitat der 
Gesinnung, die in einer Literatur von unglaublicher Laszivitat 
ihren Ausdruck gefunden hat. Nicht bloss Poggio, Beccadelli, 
Filelfo und unzählige Andere, selbst ein Papst  Pius II, Aeneas 
Sylvius  steht in den Reihen der Spötter. 2) So verlief in Italien 
die mit hoher Begeisterung begonnene humanistische Bewegung 
vielfach in einen verpesteten Sumpf, und man muss die ganze 
Herrlichkeit der bildenden Künste sich vor Augen stellen, um das 
Grosse und Schöne der neuen Richtung voll zu empfinden. 
Anders in Deutschland. Viel später kommt hier die Be- 
wegung zum Ausbruch, angeregt und vermittelt durch Italien. 
Aber sie fällt mit der Eründung der Buchdruckerkunst zusammen, 
und durch diesen grossen Fortschritt hebt Deutschland das Pri- 
vilegium der Bildung für die vornehmen, begütenen Stände auf 
und theilt das lebendige Wort des Geistes, den Strom antiker 
Weisheit und Schönheit Allen ohne Unterschied mit. Aus dem 
Bürger- und Bauernstande drängen sich die Jünglinge aller Orten 
zu den Wissenschaften; zahlreiche Schulen entstehen, und die kaum 
noch selbst Schüler waren, ergreifen mit Eifer das Lehramt und 
1) Sastrow's Ausdruck, die römischen Prälaten hielten ihre Keuschheit 
wie der Hund die Fasten, ist bekanntlich keine Uebertreibung. B. Sasc- 
row's Leben a. a. 0. I. 345.  2) Ueber diese Verhältnisse vergl. G. Voigt, 
die Wiederbelebung des klassischen Alterthums (Berlin 1359) S- 459 1T-
        

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