Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der deutschen Renaissance
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1309821
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1312515
220 
III. Buch. 
Renaissance in Deutschland. 
Allgemeiner 
Theil. 
unter Fig. 99 bei. Nicht minder reich wurden besonders die 
Altäre ausgestattet. Sie blieben immer noch grösstentheils in 
den Händen der Holzschnitzer, aber ihr Hauptstück wurde 
doch nach dem Vorgange Italiens jetzt in der Regel dem 
Maler übertragen. Dieser hatte das grosse Altarbild zu fertigen, 
welches den Mittelpunkt des ganzen Aufbaues ausmachte. Dieses 
wurde dann mit reichem geschnitztem Rahmen umgeben, und das 
Ganze als selbständiges Gebäude mit den üblichen Formen einer 
ins Barocke entarteten klassischen Architektur umkleidet. Ueber 
einer Predella erhebt sich mindestens in zwei Stockwerken das 
Ganze in prunkvollster Weise, mit abgebrochenen Giebeln, Volu- 
ten und allen Ausgeburten des Barocco ausgestattet, auf allen 
Gesimsen, Vorsprüngen und Giebeln mit stehenden, hoekenden, 
rutschenden und schwebenden Heiligen und Engeln überfüllt. Alle 
Phantastereien eines Dietterlein und seiner Sinnesverwandten 
kommen nirgends so zum Ausdruck wie in diesen Werken, in 
welchen der vom Jesuitengeist geleitete Neokatholicismus der 
Zeit seine volle Janitscharenmusik aufspielen lässt. Ein grosses 
Prachtstück, noch mit gothischen Reminiscenzen untermischt, ist 
der Hochaltar in der Frauenkirche zu Ingolstadt. Bisweilen 
kommt die Holzschnitzerei auch in den Hauptdarstellungen noch 
zur Anwendung, wie in dem Hochaltar des Münsters zu Ueber- 
lingen und dem dritten Altar des rechten Seitenschiffes daselbst, 
beide aus dem Anfang des 17. Jahrhunderts. (Detail davon in 
Fig. 44.) Ein weiteres Eingehen auf die zahlreich noch vorhan- 
denen derartigen Werke dürfen wir uns sparen. In der Regel ist 
reiche Polychromie, bisweilen auch wohl Vergoldung auf weissem 
Grunde dabei angewandt. 
Von Tabernakeln oder Sacramentshäuschen der Zeit nenne 
ich das prächtige in der Kirche zu Weilderstadt, und ein klei- 
neres in der Kirche zu Ueberlingen vom Jahre 1613. 
Ueber Studien und Stellung der damaligen Architekten 
liegen uns nur spärliche Notizen vor. Dass bis in die Mitte des 
16. Jahrhunderts die mittelalterlichen Zustände auch hierin noch 
verwalteten, haben wir schon berührt. Es waren schlichte hand- 
werkliche Meister, die ihrer Lebensstellung und ihrem Bildungs- 
grade nach sich nirgends über die Schranken der hergebrachten 
Anschauung erhoben. Solche einfache Steinmetzen haben die 
Theoretiker der Zeit, hat namentlich Rivius in seinen Büchern 
V01" Augen. Die Art, wie er den Commentar Cesariands umge- 
staltet, sowohl in dem was er aufnimmt, als in dem was er fort- 
lasst, spricht deutlich dafür. Wie vornehme Künstler erscheinen 
dagegen die gleichzeitigen Italiener, voll höherer Bildung und
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.