Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der deutschen Renaissance
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1309821
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1310362
Kap- 
Renaissance 
Die 
deutschen 
des 
Geistes. 
land durch die rücksichtslose Energie des ersten Tudor zu einer 
ähnlichen Umwandlung gelangt, muss Deutschland Jahrhunderte 
hindurch vergeblich sich mit der Aufgabe staatlicher Einheit ab- 
mühen. Schon im Ausgange des Mittelalters war die Macht der 
Vasallen dem Kaiserthum so hoch über den Kopf gewachsen, 
dass ein Niederbeugen derselben unter die Reichsgewalt kaum 
noch möglich erschien. Seit das Scepter in die Hände der Habs- 
burger gelangte, mussten die centrifugalen Tendenzen sich nur 
noch steigern. Denn mit den Habsburgern kam ein Herrscherhaus 
auf den Thron, dessen höchstes Streben war, seine Hausmacht 
zu vergrössem; da aber der überwiegende Theil seiner Besitz- 
ungen ausserdeutsch war, so trennte eine immer breitere Kluft das 
Sinnen und Denken der Kaiser vom Leben und den Bedürfnissen 
der Nation. Die auswärtigen Verhältnisse liessen die 'l'räger der 
deutschen Krone nicht zur Ruhe kommen, und je weniger sie des 
höchsten Amtes walteten, um so kräftiger erhob und befestigte 
sich die territoriale Macht der einzelnen Reichsfiirsten bis zu 
völliger Unabhängigkeit. So kam es, dass der nomadisirende 
Charakter des deutschen Kaiserthumes, der im Mittelalter durch 
die wechselnde Wahl verschiedener Geschlechter bedingt war, 
auch jetzt noch nicht aufhörte, obwohl die Thronfolge beim Hause 
Oesterreich blieb. Dass aber solche Zustände nicht dazu ange- 
than waren, eine folgenreiehe Förderung der Interessen höherer 
Kultur zu begünstigen, liegt klar zu Tage. Kein Wunder daher. 
dass der habsburgischc Hcrrscherstamm zwar viel für Deutsch- 
lands geistige Knechtung, wenig, fast nichts dagegen für die 
Pflege seiner höchsten Interessen in Wissenschaft und Kunst ge- 
than hat. 
Noch ein Anderes kam hinzu. Als das tief empörte deutsche 
Gemiith sich von dem schnöden Spiel, das von Rom aus mit dem 
Heiligsten getrieben wurde, loszusagen begann, da hätte ein 
deutsch gesinnter Kaiser die ganze Fluth dieses Stromes zu- 
sammenfassen, in ein breites nationales Bett leiten und der deut- 
schen Nation die Freiheit von Rom und die Einheit der religiö- 
sen Anschauung im Schoosse einer allgemeinen deutschen National- 
kirche geben können. Der spanisch erzogene Karl V, der vom 
deutschen Wesen nichts verstand, nicht einmal die Sprache, war 
nicht der Mann für solche Aufgabe. So wurde durch die feind- 
liche Stellung, welche das Kaiserthum gegen die religiöse Be- 
wegung einnahm und behauptete, die Selbständigkeit der Fürsten 
erhöht, dßllll ill dem Maasse, in welchem sie die Reformation 
förderten, kräftigten sie die eigene Macht. So kam Deutschland 
zum Dualismus, zur Zerrissenheit, nicht wie man wohl behauptet,
        

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