Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der deutschen Renaissance
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1309821
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1311857
154 
III. 
Buch. 
Deutschland. 
Renaissance in 
Allgemeiner 
Theil. 
kelten Linien jeder Art hat hier seinen Gipfelpunkt erreicht. Aus 
einem Hermenpfeiler wachsen plötzlich Hirschfüsse heraus, wäh- 
rend ein ganzes Hirschhaupt mit Geweihen von einem Jagdhorn 
begleitet als Kapital dient. Dass ein anderes Mal (Blatt. 75) ein 
feister Koch als Atlant verwendet ist, auf dem Kopf zwei Schüsseln, 
am Gürtel zwei Bündel von Schnepfen. und ein Küchenmesser, 
in der Hand einen Schöpflöffel, kann uns nicht Wunder nehmen. 
Die sinnige Consequenz des Künstlers bringt am Friese gekreuzte 
Kochlöffel, am Gesims Wildschweinsköpfe, und darüber als Be- 
krönung eine Gruppe von Hasen, Rehen, nebst Küchenkesseln, 
einen Bratspicss mit Würsten, und endlich eine spärlich beklei- 
dete Dame, die sich als Ceres gerirt. Auf einem andern Blatt 
 welches im Gegensatz zu dem culinarischen Charakter des 
vorigen einen kriegerischen hat,_ sind statt der Säulen Mörser 
angebracht, die Attika trägt aber Geschütze mit ihren Lafetten, 
Pulvertonnen und Kugelhaufen. Merkwürdig, wie sich die Phan- 
tasie Dietterlein's durch die fünf Ordnungen zu steigern weiss 
und doch überall eine gewisse Uebereinstimmung der Ornamentik 
festhält. Nur in der Composita scheinen seiner Eründungsgabe 
die Stränge zu reissen, und es ist ergötzlich zu sehen, wie er 
nun zu dem naturalistisch entarteten Maasswerk der spätgothi- 
sehen Zeit seine Zuflucht nimmt, um bei Oompositionen wie auf 
Blatt 196, 197, 202 und 203 den Ausdruck höchster Pracht zu- 
Wege zu bringen. Das Ganze ist ein wahrer Hexensabbath des 
in der schönsten Blüthe der Flegeljahre sich befindenden Barock- 
stils. Praktische Nachfolge haben diese Dinge doch nur zum 
Theil in Altaren und Epitaphien gefunden. Es ist bezeichnend, 
dass der Profanbau sich viel reiner davon hielt, die Kirche aber 
das tollste Zeug nicht verschrnahte. Es war die Zeit, da der 
Jesuitenorden für den neu aufgewärmten Katholizismus alle Mittel, 
erlaubte und unerlaubte, in Bewegung_setzte. Die schwülen 
Ausgcburten des Barocco passten trefflich in diese Richtung. Wir 
aber erkennen zugleich in solchen Gebilden dieselbe Verwilde- 
rung, welche kurz darauf in den Greueln des dreissigjahrigen 
Krieges zum offenen Ausbruch kam. 
L
        

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