Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der deutschen Renaissance
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1309821
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1311843
Kap. IV. 
Theoretiker. 
Die 
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mann sie nach dem Unterschied derselben verändert und mit 
Lieblichkeit zu gebrauchen wisse." Denn die richtige symme- 
trische Austheilung der fünf Säulen werde wenig mehr observirt, 
da ein Jeder nach Gutdünken mit wunderbar-lieber und übel- 
ständlieher Oonfusion und Vermischung der untersehiedenen Arten 
eine neue Manier iingirt habe. Man könne aber nicht immer "auf 
einer Geigen liegen", sondern müsse vielmehr die Lieblichkeit 
aus der Variation und mannigfaltiger Veränderung suchen. So 
geht er nun die fünf Säulenordnnngen durch und giebt bei jeder 
derselben in den Postamenten, den Saulenschaften, Basen, Ka- 
pitälen, Friesen, Gesimsen und Consolen eine solche Mannig- 
faltigkeit von Ornamenten, dass man auf den ersten Blick die 
absolute Willkürherrschaft zu sehen glaubt, bis man zur Erkennt- 
niss kommt, dass ein bestimmtes Gesetz dem Ganzen doch zu 
Grunde liegt, welches die Gestaltung des Einzelnen je nach dem 
Charakter der verschiedenen Stile beherrscht. Gleichwohl ist 
nie Barockeres erdacht werden, und wenn man die strömende 
Fülle der Erfindungsgabe anerkennen muss, so wird man zugleich 
nur durch die Erwägung beruhigt, dass das Papier geduldig ist 
und dass glücklicherweise die Wirklichkeit aus guten Gründen 
hinter diesen ausschweifenden Phantastereien zurückbleiben musste. 
Am ungebundensten bewegt sich seine Phantasie in den Pilaster- 
Hermen, welche er jeder Saulenordnung beigiebt. Bei der tos- 
kanisehen, die er einem groben Bauern vergleicht, zeigt der 
Pilaster wirklich die Gestalt eines Bauern, der aber mit Schurz- 
fell, Winterkappe, Faustlingen und schliesslich mit einer hölzernen 
Weinbütte so umkleidet ist, dass nur die Füsse mit ihren Holz- 
schnhen und der Kopf, der als Kapital ein Handfasstragt, her- 
ausschauen. Es erscheint nicht bedeutungslos, dass Dietterlein 
sich ausschliesslich als Maler bezeichnet, denn solcher Naturalis- 
mus ist eher auf Rechnung des Malers als des Architekten zu 
Setzen. Unwillkürlich werden wir an die verwandten Phantaste- 
reien erinnert, welche wir bei Dürer (vgl. S. 137) fanden. Der 
iieissige Dietterlein liess im folgenden Jahre eine Fortsetzung 
SeineS Werkes erscheinen, welche Portale, Thüren, Fenster, 
Brunnen und Epitaphien behandelt. Das ganze Werk erfreute 
sich solchen Beifalls, dass es schon 1598 zu Nürnberg in ver- 
mehrter und verbesserter Auflage erschien. Sie umfasst 209 Blät- 
ter und enthält allerdings, was irgend der üppigste Barocco er- 
sinnen mochte. Keine noch so ausschweifende Form, die sich 
hier nicht bereits fände. Das Ueberschneiden, Ausbiegen, Ab- 
brechen, Durchziehen aller erdenklichen Formen, das Verknüpfen 
von Vegetabilischem, Figürlichem, von geschweiften und geschnür-
        

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