Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Renaissance in Italien
Person:
Burckhardt, Jacob
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1301055
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1302191
Kapitel. 
Formenbehandlung 
Die 
Frührenaissance. 
auch wohl die Halbsäule oder vertretende Säule schlechthin ersetzt (z. B. 
an Prachtthoren). Reihenweise hatten ihn die Römer an jenen Schau- 
bauten angewandt, um, nach Abschluss der untern Hallenstockwerke mit 
Halbsäulen, das Auge über die geschlossene Wandmasse des obersten 
Stockwerkes aufwärts zu leiten und letzterer ihre Schwere zu benehmen. 
Amphitheater in der Provinz (Pola, Nimes) Hattenauch wohl bloss 
Pilaster von unten auf. 
Ausser dem Golosseum kommt auch das Amphitheatrunl castrense 
in Betracht, dessen obere Ordnung damals laut alten Abbildungen viel 
besser erhalten war.   
Endlich hatte auch das Mittelalter (und nicht bloss in Italien) die 
Gewöhnung an jede Art verticaler Wandgliederung durch Mauerstreifen 
wach erhalten. 
Die Renaissance verwandte nun den Pilaster im Innern Wie am 
Aeussern der Gebäude ohne alles Bedenken und massenhaft; sie schätzte 
ihn schon als Repräsentanten ihrer geliebten Säule.  (Wenn Palladio 
bisweilen auch Schwellung und Verjüngung von der Säule auf den Pilaster 
übertrug, so gab es auch dafür Vorbilder; Propylaen von Baalbek etc.) 
Der Pilaster wird der Ausdruck des Strebenden und Ueberleitenden. 
Sein Einfluss auf die Stockwerkhöhen ist viel geringer als der der letztern 
auf ihn. Ueber Kirchen- und Palastfassaden wird er bald einzeln, bald 
zu zweien gruppirt vertheilt, und diese können sich näher oder ferner 
stehen.  Alberti erwähnt (L. VI, c. 12) den Pilaster, aber nicht die 
Pilasterordnung, die er doch anwandte. 
Der Pilaster tritt in verschiedene Verhältnisse zu der toscanischen 
Rilstica, der venezianischen Incrustation und dem oberitalienisehen 
Baoksteinbau, sowohl an Kirchen- als an Palastfassaden. In jeder der 
drei Richtungen verlangt dann insbesondere die Frage der Gesimse, 
zumal des obersten Kranzgesimses, eine eigene Lösung. 
Es ist eine Sache des feinsten Tactes, die Gesimse, welche sich nicht 
in Flachdarstellung umsetzen lassen, wie die zum Pilaster umgedeutete 
Säule, richtig zu den Pilastern und zugleich zum Ganzen zu stimmen. 
Für das Kranzgesimse tritt die Frage ein: ob es mehr ein Gesimse 
des obersten Stockwerkes oder des ganzen Gebäudes sei? Ferner kommt 
eine allgemeine Voraussetzung in Betracht, welche Während der ganzen 
guten Bauperiode herrschte: dass das Kranzgesimse eins sein müsse und 
keine Unterbrechung vertrage. Principielle Aussage hierüber bei Serlio 
L- W, fol. 178, und zwar mit Berufung auf Bramante. 
Ausserdem verlangen in die allgemeine Harmonie verschmolzen zu 
werden: die Wucht des Sockels, die Massigkeit des Erdgeschosses, die 
Nuancirung der Fenster nach Stockwerken u. A. n1.; namentlich bedingen
        

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