Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Renaissance in Italien
Person:
Burckhardt, Jacob
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1301055
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1303871
Kapitel. 
XIV. 
Die Villen. 
221 
regen; unvermeidlich wird sich sowohl beim Bauherrn als beim Archi- 
tecten neben dem Originellen auch das Grillenhafte und Extravagante 
einfinden. 
Im VII. Buche des Serlio p. 28 der berüchtigte Plan einer Villa in 
Gestalt einer Windmühle; p. 42 das Geständniss, man müsse sich vor 
dem allgemeinen Brauch durch neue Erfindungen zu retten suchen; 
runde, ja sogar ovale Villenhöfe mit Pfeilerhallen p. 27, 250. (Vgl. ä. 120 
die Caprarola.) Andere Thorheiten p. 38 etc. Die Ueberzeugung, dass 
auf dem Lande überhaupt Licenzen gestattet seien, die man sich in luogo 
civile e nobile nicht erlauben würde, p. 16.  
Den äussern Anblick charaeterisirt vorzüglich, im Gegensatz zur 
Stadtwohnung, die Oeffmlng nach aussen in Gestalt von Hallen, als 
sichtbarer Ausdruck der Liebe zum Freien, des Einladenden und Luf- 
tigen; zugleich der stärkste Gegensatz zu nordischen Landsitzen. 
Serlio VII, p. 46: ßAuf dem Lande sind Hallen sehr viel schöner 
sanzusehen als (geschlossene) Fassaden; es liegt ein stärkerer Reiz (piü 
wdiletto) darin, das Auge in das Dunkel zwischen den Bogen eindringen 
szu lassen, als eine Wand zu bewundern, WO der Blick nicht weiter 
vkannß 
Den 
stärksten Eindruck 
des Einladenden 
erreicht 
die Architectur 
auch 
mit einem ohne Zweifel von Thermen entlehnten Motiv: der grossen 
einwärtstretenden halbrunden Nische. Bramante allein gebrauchte das- 
selbe, und zwar nicht an einer Villa, sondern als hintere Schlussforni 
seines grossen vaticanischen Hofes und Gartens (Giardino della Pigna). 
Aber Pietro da Cortona entlehnte dasselbe mit voller Absicht anderthalb 
Jahrhunderte später für die Fassade seiner Villa Sacchetti, genannt il 
Pigneto. 
Von selbst Fällt nun auch die Einheit des Motives hinweg, Welche 
an clen Stadtpalästen" Wenigstens der ältern toscanisehen Schule das 
höchste Gesetz ist. Selbst die Symmetrie wird bisweilen preisgegeben. 
Die Villa hat keine eigentliche Hauptfassade, da sie frei zu stehen 
censirt ist; an jeder ihrer Seiten oder an irgend einer derselben wird die 
Halle entweder die Mitte zwischen zwei vortretenden Flanken einnehmen 
oder sogar unter Aufhebung der Symmetrie mit verschiedenen Baukörpern 
zusammengruppirt sein. Sehr frühe muss schon der Thurm, als Ueber- 
bleibsel des Sehlossbaues und seiner Zwecke, sich an der Villa festgesetzt 
haben; er bleibt ein irrationelles Element, wenn man ihn nicht verdoppelt 
oder vervierfacht.
        

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