Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Malerei in Italien vom Wiederaufleben der Kunst bis Ende des achtzehnten Jahrhunderts
Person:
Lanzi, Ludwig Wagner, Adolph Quandt, Johann Gottlob
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1290546
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1294982
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Oberitalien. 
Mailändische 
Schule. 
Von Allem also, was er in' Mailand 
denkwürdiger, als seine Akademie, deren 
geleistet , 
Zöglinge 
ist nichts 
die schöne 
schon das Vollendetste, ja Unerreichbare sind, denen es an Kraft 
und Geschicklichkeit fehlt, ein XVerk in allen Theilen aus .und durch- 
zubilden und welche daher glauben , Leo n ar do habe sich -ins Ein- 
zelne verloren.  Betrachten wir da Vinci nach der Zeit, die 
vor ihm war, so sehen wir auch hier den Günstling des Schicksals, 
welcher nach einer Zeit geboren wird, wo grosse Vorgänger Wissen- 
schaft und Kunst in einzelnen Zweigen und Richtungen bis zum Gi- 
pfel gehoben haben, und wo es nur noch eines tiefen, kräftigen und 
umfassenden Geistes bedarf, Alles in sich aufzunehmen, was vor ihm 
liegt, und dann gleichsam die letzte sichre Meisterhand an das er- 
habene Werk der Menschheit zu legen, um alles in ruhiger Grösse 
zu vereinen und zu vollbringen. Doch ist dies nicht das eitle Trei- 
ben der sogenannten Eklektiker, welche sich mit bunten, fremden 
Federn schmücken, aus welchen ihnen niemals Geistesschwingen an- 
wachsen, sondern nur eine Papagenojacke entsteht, mit der sie ihre 
Blässe decken. E ist bei einem Geiste, wie der des Vinci, ein 
wahres Aneignen und Ausbilden, wie die Biene den Blumensaft ein- 
saugt, in sich zu Honig umbildet und dann ihre eignen Zellen baut. 
Erblicken wir Leonardo in der Mitte seiner Zeitgenossen, auf der 
einen Seite den mächtigen Michelangelo mit dem Titanengeist, 
der den Himmel erstürmen, und auf der andern Seite Perugino, 
der den Himmel auf die Erde herableiten möchte und mit einem 
schönen, aber beschränkten Talente begabt war, o finden wir auch in 
unserm Helden die harmonische Vereinbarung der unter zwei lndi- 
viduen vertheilten Anlagen, die reinste Uebereinstimiuung und das 
vollste Gleichmaas von Kraft und Willen, von Ruhe und Streben, von 
Sinn für Anmuth und Gefühl für Grossheit, von Sinnlichkeit und 
Geistigkeit.  Erwägen wir, was er für Andre war, so müssen 
wir den zuverlässigen, besonnenen und eiusichtsvollen Lehrer ver- 
ehren, der seinen Nachfolgern die Bahn ebnete, worauf Jünglinge, 
nicht wie an einem Laufzaum einer Schulmanier, sondern freien 
Schritts zur Meiterschaft wandelten. Besonders hat ihm die mailän- 
der Schule in dieser Hinsieht viel zu danken; denn ohne ihn hätten 
sich doch wol früher auch diese Küntler wie die Florentiner auf der 
Bahn des Michelangelo verirrt, oder wie Zuccari den Raf- 
fael misverstanden, - Eine grössre Mannigfaltigkeit der Talente 
und Bestrebungen erhielt sich bei den Mailändern länger, als in nn. 
dern Schulen. Im allgemeinen nahm sie von ihrem Grossmeister 
Vinci eine Richtung zur Anmuth, doch nicht der fröhlichen wie 
die des Coreggio, sondern einer wonnereichen Melancholie und 
einem siissen träumerischen Wesen, und so zaubrisch auch dieser Cha- 
rakterzug der mailänder Schule ist, so können wir ihn doch immer 
wieder nur als eine Ausartungjener tiefen, aber ungetrübten lnnig- 
keit des Leonardischen Gemüthes betrachten, welches aus allen 
seinen Werken uns anlächelt.  Ein linder Ernst und hohle 
Schwärmerei ist der Charakterzug seiner F'rauenbilder, auf das edel- 
ste in seinen Madonnen gesteigert und uuf das reizendste in den 
Portraiten. - Die ganze Kraft des Gemüths pricht sich lebendig 
in dem Kampf der drei Reiter und dem Abendmahle aus, so viel wir 
davon keimen, und so wenig uns auch von beiden iibrig geblieben 
ist  Fassen wir sein Gesammtwesen auf, so erstaunen wir aber- 
mals über diese Harmonie; denn als Charakter und Talent immer
        

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