Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Malerei in Italien vom Wiederaufleben der Kunst bis Ende des achtzehnten Jahrhunderts
Person:
Lanzi, Ludwig Wagner, Adolph Quandt, Johann Gottlob
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1290546
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1294937
II. Zeitr. 
Vinci stiftet eine Zeichnenschule in Mail. 
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zu sprechen, auch Raf f aeln den Weg.  Niemand war forsch- 
gieriger, beobachtender, schneller, die Bewegungen der Leiden- 
schaften, wie sie sich in Mienen und Gebärden malen, sogleich 
zu zeichnen. Er, besuchte die volkreichsten Oerter, die Schau- 
plätze, wo der Mensch seine grösste Thätigkeit entwickelt, und 
zeichnete in ein Büchlein, welches er immer bei sich führte, 
die Gebärden, welche er wählte. Dergleichen Zeichnungen 
hob er auf und brachte sie nach Gelegenheit und bezweckter 
Abstufung stärker oder schwächer an. Denn wie er die Schat- 
ten immer bis zum höchsten Grade zu verstärken pflegte, so 
steigerte er in Compositionen von mehrern Figuren auch die 
Seelen- und Körperbewegungen aufs Höchste. Dieselbe Ab- 
stufung beobachtete er auch im Anmuthigen, dem er wol zu- 
erst huldigte; denn die Maler vor ihm scheinen es nicht vom 
Schönen hinlänglich zu unterscheiden und vertheilten e noch 
weniger an liebliche Gegenstände vom Minder zum Mehr auf- 
steigend, wie Vinci verfuhr. Dieselbe Regel beobachtete er 
sogar im Lücherlichen, wo er ein Zerrbild immer ärger als 
das andere machte und zu sagen pflegte, man müsse das 
so weit treiben, dass wo möglich selbst die Todten lachen 
müssten.   
So besteht denn der Charakter dieses unvergleichlichen 
Künstlers in einem ausgesuchten Geschmack, wie man ihn 
kaum vor oder nach ihm wieder findet; wofern man nicht et- 
wa an jenen alten Protogcne denken will, an welchem 
Apelles nichts fand, wesshalb er sich ihm Vorzüge, als den 
übcrmiissigen Fleiss des Nebcnbuhlers 4). Und fürwahr, auch 
Vinci dachte nicht immer an jenes ne guid nimis, worin 
die Vollkommenheit der menschlichen Dinge besteht. Selbst 
Phidias hatte, nach Cicero, eine schönere Minerva und 
einen schönern Jupiter in seinem Sinne, als er bildnerisch dar- 
stellen konnte; und es ist weise, nach dem Besten zu trach- 
ten, doch mit dem Guten sich zu begnügen. Vinci aber ge- 
nügte sich nicht, wenn er seine Arbeit nicht so vollendete, 
wie sie in seinem Geiste stand; konnte er dies mit Hand und 
Pinsel nicht erreichen, so liess er das Werk blos gezeichnet, 
i . 
4) Plin. 35, 10. Uno se praeslare, guad menum ille rle tabula 
neu-in't lollere. Dies sagte er bei Gelegenheit jenes Jalysus, an 
welchem Protogenes sieben Jahre gearbeiKet hatte. L.
        

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