Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Malerei in Italien vom Wiederaufleben der Kunst bis Ende des achtzehnten Jahrhunderts
Person:
Lanzi, Ludwig Wagner, Adolph Quandt, Johann Gottlob
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1283299
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1288152
Zweiter 
Zeitraum. 
Railhel 
und 
seine 
Schule. 
381 
Yiomazzo sogar, der tiefer war, als Beide, ihn hierin nicht 
so, wie später Algarotti, Lazzarini und Mengs gerühmg 
haben. Die Bahn zu gewähltem Ausdruck brach zuerst Lion- 
ard o, wie ich bei der Mailänder Schule zeigen werde; da die- 
ser aber so irenig und so mühsam gemalt, so kann er nicht 
mit Raffael verglichen werden, der dies ganze Gebiet aus- 
mass. Es ist keine Gemüthsbcivegung, kein Charakter der 
Leidenschaft, den die Sittenlehre kennt und die Malerei dar- 
stellen kann, den er nicht bemerkt, ausgedrückt, auf hundert-, 
fache Weise und doch immer angemessen dargestellt hätte. 
Von Studien, wie sie Vinci unter der Volksmenge gemacht 
haben soll, erzählt man in Raffaelts Leben nichts; aber 
seine Bildermenge beweiset, dass er sie nicht so anhaltend ma- 
chen konnte, und seine Zeichnungen, dass er derlei Hülfen 
nicht brauchte. W'ie schon bemerkt, hatte die Natur ihn mit 
einer Einbildnngskraft begabt, die seine Seele in eine fabel- 
hafte, oder ferne Begebenheit, wie in eine wahre und gegen- 
wärtige, versetzte, so dass er die Eindrücke, welche sie auf 
die Handelnden machte, erkannte und fühlte, und nicht-eher 
ruhte, als bis er sie so anschaulich dargestellt, als er sie entweder 
auf fremden Gesichtern gesehen, oder in seinem Geiste vorge- 
bildet fand. Diese seltene Künstlergzlbc besass Raffael im 
höchsten Grade. Seine Figuren lieben, schmachten, fürchten, 
hoffen, wagen wirklich; sie zeigen Zorn, Versöhnlichkeit, De- 
muth, Stolz, wie es die Verhältnisse fordern; wer diese Ge- 
sichter, diese Blicke, diese Gebärden sieht, meint oft kein Bild 
vor sich zu haben, fühlt sich entzündet, hingerissen in die 
Begebenheit selbst. Eine andere Feinheit hierin ist seine Ab- 
stufung der Leidenschaften, so dass jeder leicht sieht, ob sie 
ab- oder zunehmen, oder erlöschen. Derlei Unterschiede hatte 
er im Gespräche bemerkt und so wusste er jedesmal, was sich, 
ihm bot, darzustellen." Alles spricht noch im Schweigen; je-l 
dem Handelnden „ist auf der Stirn, im Aug' das Herz zu le- 
sen" (Petn); die kleinen Bewegungen der Augen, der Nüstern, 
des Mundes, der Finger entsprechen den ersten Regungen je- 
der Leidenschaft; die beseeltesten, lebhaftesten Gebärden drücken 
ihre Heftigkeit aus; und, was noch mehr ist, sie wechseln 
hundertfach, ohne unnatürlich zu werden, und eignen hun- 
dert Charakteren, ohne je an Eigenthümlichkeit zu verlie-
        

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