Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Italienischen Malerei vom vierten bis ins sechzehnte Jahrhundert
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1270152
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1271172
Buch. 
Kapitel. 
da Vinci. 
Lionardo 
sich in schmerzlicher Erregung vorbeugt und die Hände wie betheuernd 
gegen die Brust drückt, als richte er nach Goethe's schönen Worten 
an den Meister die Versicherung: „Herr, ich bin's nicht, du Weisst es, 
du kennst mein reines Herza. Auch in dieser Gruppe ist die Ver- 
schiedenheit der Köpfe bewundernswürdig abgestuft. 
Die folgende Gruppe an dieser Seite hat als Hauptperson den 
am-Ende der Tafel sitzenden Simon, wiederum eine charaktervolle 
Greisengestalt, der offenbar, sei es, weil er die Worte aus der Ent- 
fernung; nicht deutlich vernommen, oder überhaupt etwas so Üngeheures 
sich nicht vorstellen kann, mit beiden offen vor sich hingestreckten 
Händen unvergleichlich lebendig seine Zweifel ausspricht. Seine beiden 
Nachbarn belehren ihn indess eines Andern, denn der neben ihm sitzende 
Thaddäus neigt sich gegen ihn, als wolle er ihm den Namen des Ver- 
räthers zuflüstern und deutet dabei mit dem Daumen der rechten Hand 
nach der andern Seite hinüber. Noch eifriger erhebt sich der ener- 
gische Matthäus, der dem Fragenden lebhaft antwortet und mit beiden 
Händen, wie zur Bestätigung, auf Christus hinweist. Dieser Gestus 
verknüpft auf's Glücklichste die Gruppe mit der benachbarten und 
findet an der feurigen Energie des jugendlichen Kopfes seine Erklärung. 
Wieder ganz anders spricht sich die Erregung in der letzten 
Gruppe der andern Seite aus. Die drei hier dicht zusainmengedrängten 
Jünger, die wir im Profil erblicken, wenden sich mit dem verschiedensten 
Ausdruck der Erregung nach Christo hin; der zunächst sitzende greise 
Andreas, indem er mit halb erhobenen Händen Schreck und Erstaunen 
ausdrückt. Am Ende der Tafel ist die männliche Gestalt des Bar- 
tholomäus voll Erregung aufgestanden, und mit beiden Händen sich auf 
den Tisch stützend, beugt er sich weit vor, um mit gespannter Auf- 
merksamkeit den weiteren Wlorten Christi zu lauschen. Zwischen beiden 
sieht man das schöne Profil Jacobus des jüngeren, der hinter Andreas 
mit dem Arm nach Petrus greift und diesen an der Schulter fasst, als 
wolle er ihn auffordern, um weitere Aufklärung zu bitten. Diese Hand- 
bewegung bildet Wieder die künstlerisch wohlberechnete Verbindung 
der beiden Gruppen. 
Ünerschöpflich ist die Fülle der feinsten Beziehungen, welche 
über das herrliche Werk ausgegossen ist. Vom Jüngling bis zum 
Greise, von höchster Intelligenz bis zu harmloser Beschränktheit, von 
göttlicher Reinheit bis zum dunkelsten Verbrechen, von sanfter Gelassen- 
heit bis zu zornigem Auffahren und jähem Ausbruch der Leidenschaft 
ist hier Alles erschöpft, was Meisterschaft im Psychologischen und
        

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