Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Italienischen Malerei vom vierten bis ins sechzehnte Jahrhundert
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1270152
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1277033
Moretto. 
Bresciauuer : 
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Tizian ihresgleichen findet. Damit verbindet sich ein milder, bisweilen 
wehmuthvoll angehauchter Ernst innig religiöser Empfindung, wie er 
wenigen Künstlern dieser Zeit eigen ist. Von Moretto's Studiengang 
ist uns wenig überliefert. Er mag zuerst unter Ferramola sich der 
Kunst gewidmet haben, mit dem wir ihn 1518 an den Orgelbildern im 
alten Dom zu Brescia beschäftigt finden. Doch darf wohl daran erin- 
nert werden, dass Civerchio, der ebenfalls in Brescia thätig war, in 
seinem Altarwerk zu Crema vom Jahr 1519 (I, 501) eine auffallende 
Verwandtschaft mit Moretto verräth, der damals kaum schon zu ähn- 
licher Freiheit des Stils durchgedrungen war. Jedenfalls bekunden die 
frühesten Arbeiten des jungen Meisters entschiedene Anklänge an die 
Venezianer, namentlich an Palma und Tizian, mit denen sich dann 
Einflüsse des erheblich älteren Romanino kreuzen. Als er 1521 mit 
diesem sich in die künstlerische Ausstattung der Sakramentskapelle in 
S. Giov. Evangelista zu Brescia theilte und er dort Elias in der Wüste, 
die Mannalese, das Abendmahl, sowie die Evangelisten Markus und 
Lukas und einige Prophetenbrustbilder ausführte, verrieth er in diesen 
Werken schon eine überaus würdige und lebensvolle Auffassung, die 
sich den ebendort befindlichen Arbeiten Romaninds überlegen zeigt. 
Schon hier klingt ein Zug rafaelischer Anmuth hinein, der in der Folge 
sich noch kräftiger bei Moretto geltend macht, ohne ihn jedoch zu 
einer äusserlichen Nachahmung rafaelischer Typen zu verführen. Offen- 
bar hat der Künstler Kupferstiche nach dem grossen Ürbinaten studirt, 
dessen Formenadel und Seelenreinheit ihm innerlich so verwandt waren, 
dass sie unwillkürlich in seine Auffassung eindrangen. So gewann sein 
Stil einen Adel im Faltenwurf, in weihevoller Schönheit der Köpfe 
und ergreifender Würde des Ausdrucks, wie wir ihn bei keinem An- 
dern in der ganzen Gruppe der Venezianer antreffen. 
Ganz herrlich zeigt sich diese grossartige Auffassung in dem 
mächtigen Altarbild der Krönung Mariä in S. Nazaro e Celso, mit 
S. Franziskus und Nikolaus, dem jugendlichen Erzengel Michael und 
dem knieenden Joseph. (Fig. 134.) Grossartig aufgebaut und doch in 
freier malerischer Anordnung, bietet es einen Zusammenklang frei be- 
wegter Gestalten mit herrlich abgestuftem Ausdruck der Empfindung 
und in einer vollkommen weich verschmolzenen und doch kräftigen 
Farbe. In der weihevollen Gestalt der Madonna, mit dem herrlichen 
an Palma erinnernden Kopfe ist die sinnliche Ueppigkeit jenes Meisters 
zu hohem Adel umgebildet; auch Christus ist in Gestalt, Ausdruck 
und Bewegung voll Würde; unter den prachtvoll charakterisirten
        

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