Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Italienischen Malerei vom vierten bis ins sechzehnte Jahrhundert
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1270152
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1276515
Tizian. 
Bildnisse. 
561 
Was nun Tizian zu einem der ersten Bildnissmaler aller Zeiten 
macht, das ist die Kunst, der Einzelerscheinung diejenigen Züge ab- 
zulauschen, welche gleichsam das Fundament des Charakters, den In- 
begriff des geistigen Wesens ausmachen. In seinen Gestalten ist nichts 
Ünwesentliches, Zufälliges. Mit feinem psychologischen Blick hat er, 
was in der Wirklichkeit vereinzelt, zerstreut, durch das Leben oft 
verwirrt und theilweise unkenntlich gemacht erscheint, in einen Brenn- 
punkt zusammengefasst und daraus seine Charaktere so hingestellt, wie die 
Natur sie gewollt, sie gedacht hat. So real er die volle Zuständlich- 
keit mit allen ihren Aeusserungen zu ergreifen weiss, so wenig ist er 
„Realist" in dem Sinne unserer Zeit. Er setzt die Individuen kraft 
seiner herrlichen Kunst in eine höhere Sphäre der Existenz, indem er 
ihnen die Vollkommenheit zurückgiebt, die sie haben sollten; er adelt 
wie ein König von Gottes Gnaden aus seiner Machtfülle jeden, der 
ihm gefallt, indem er ihm mit seinem Pinsel den Adelsbrief schreibt. 
Freiheit der Haltung, edle lebensvollc Existenz, sprühende Kraft des 
Geistes sind in jedem seiner Porträts, und jedes erhält durch die klare 
glühende Farbe, und besonders durch die meisterhafte Behandlung der 
Garnation eine unvergleichliche Gewalt der Wirklichkeit. 
Zu seinen früheren Arbeiten dieser Art gehört das Bildniss Al- 
fonso's von Este im Museum zu Madrid, welches trotz übler Her- 
stellungen die meisterhafte Sicherheit der Auffassung und die leuch- 
tende Frische der Färbung noch erkennen lässt. Als Inhaber der 
Sanseria hatte Tizian sodann die Verpflichtung, den jedesmaligen Dogen 
für den Rathssaal zu malen, und Antonio Grimani war 1521 der erste 
Doge, welcher von ihm portratirt wurde. Darauf folgteiAndrea Gritti, 
dessen Bildniss gleich dem seines Vorgängers sich im Privatbesitz erhalten 
hat. Auch Pietro Aretino wurde mehrmals von Tizian gemalt, und eins 
dieser Bilder findet man zu Padua in der Galerie Giustiniani, welche 
auch jene Dogenportrats besitzt. Ein andres von 1545, in welchem der 
Künstler den gemeinen Typus des Mannes durch Hervorheben der geistigen 
Bedeutung geadelt hat, in der Galerie Pitti. Seine volle historische 
Grösse erreicht Tizian in der Porträtdarstellung bei dem 1532 entstan- 
denen Bildniss Karls V. im Museum zu Madrid, mehr noch in dem 
derselben Sammlung angehörenden leider übel zugerichteten Reiterporträt, 
welches den Kaiser in der verhängnissvollen Schlacht bei Mühlberg dar- 
stellt. Zu gleicher Zeit mit dem letzteren (1548) entstand in Augs- 
burg das Bildniss des gefangenen Johann Friedrich von Sachsen, wel- 
ehes man jetzt im Belvedere zu Wien, aber in üblem Zustande sieht. 
Lübke, Italien. Malerei. II. 3G
        

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