Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Italienischen Malerei vom vierten bis ins sechzehnte Jahrhundert
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1270152
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1276453
Tizian. 
Spätere Werke. 
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Composition eine andere, einfachere Auffassung. Die Madonna schwebt, 
ganz in den blauen Mantel gehüllt, auf Wolken knieend empor, und 
während sie die Hände zum Gebet erhebt, senkt sie den Blick des 
schönen Antlitzes abwärts auf die Gruppe der Jünger, die staunend 
das leere Grab umringen. Einige blicken fragend hinein, andere weisen 
nach oben und schauen der von Licht umiiossenen Erscheinung sehn- 
suchtsvoll nach. Die Kraft der Charaktere, die Geistesblitze der Köpfe, 
die glühende Tiefe des Kolorits, in welchem rothe und braune Töne 
überwiegen, der herrliche Zusammenklang und die breite, grossartige" 
Malerei zeigen den Meister noch auf der vollen Höhe der Kraft. Nur 
die Schatten sind nicht mehr so durchsichtig klar wie sonst, verrathen 
vielmehr in ihren schweren Tönen den Beginn seines Altersstils. Noch 
entschiedener zeigt sich derselbe auf dem grossen Ecce homo vom 
Jahr 1543 im Belvedere zu Wien, welches Tizian für einen reich 
gewordenen Grosshändler Martino d'Anna, eigentlich Martin von der 
Hanna, ausführte. llrIan sieht auf einer grossen Freitreppe Pilatus den 
gemarterten Heiland dem Volke vorführen, welches in kaum zu bän- 
digender Wuth sein vkreuzige ihn" schreit. Am meisten bleibt hier 
Tizian in dem Antlitz Christi hinter den idealen Anforderungen zurück, 
und auch in einzelnen genrehaften Figuren, wie dem Jungen mit dem 
Hunde im Vordergrunde, sind störende Elemente eingemischt, wie denn 
auch die Behandlung nicht frei von Derbheiten und von schweren 
Schatten. im Fleisch geblieben ist. Dennoch erstaunt man auch hier 
bei dem sechsundsechzigjährigen Meister über die dramatische Gewalt, 
die Kraft und Kühnheit, die Fülle eines mächtigen, wenn auch nicht mehr 
durchweg edlen Lebens. In noch späterer Zeit, um 1554, entstand 
für Philipp II. das Bild der Dreieinigkeit, welches man im Museum 
zu Madrid sieht, ein Werk, welches trotz einer gewissen Gezwungen- 
heit in der Bewegung der Gestalten und der gesammten Anordnung 
immer noch durch Kraft und Fülle des Tons genug des Bewunderns- 
würdigen bietet. Dazu gehörten ein Ecce homo und die schmerzen- 
reiche Mutter, beide noch jetzt in derselben Sammlung, Schöpfungen 
von tief ergreifendem Seelenausdruck und edler Farbenstimmung. Kurz 
vorher hatte er für denselben königlichen Besteller die Tafel der 
h. Margaretha ausgeführt, welche sich, leider in übel zugerichtetem 
Zustande, ebendort befindet. 
Zu den bedeutendsten Werken dieser späteren Zeit gehört das 
Gastmahl in Emmaus, gegen Ausgang der vierziger Jahre für den Herzog 
Gonzaga gemalt, später im Besitz Karls 1., dann Ludwigs XIV. und
        

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