Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Italienischen Malerei vom vierten bis ins sechzehnte Jahrhundert
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1270152
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1276427
552 
Buch. 
Kapitel. 
Venezianer. 
der schönen Büsserin, dass die Forderung des Bestellers dem Künstler 
am Herzen lag. Uebrigcns ist es nur ein üppiges Weib von gesund- 
heitstrotzenden Formen, welches im Kniestück vor uns steht und die 
mächtige Fluth blonder Locken, die über die schönen Glieder herab- 
fliessen, mit den zarten Händen an sich drückt; freilich immerhin ein 
Werk hoher Meisterschaft und köstlichen Farbenreizes. Üm dieselbe 
Zeit malte Tizian für den Herzog einen h. Hieronymus in der Wüste, 
den wir vielleicht in dem prächtigen Bilde des Louvre zu erkennen 
haben. Es ist ein überaus effcktvolles Werk, namentlich durch eine 
einfach und grossartig behandelte Landschaft von poetischem Reiz. 
Auch dieses Werk wurde durch zahlreiche Kopieen vervielfältigt. Aus 
dieser Epoche stammt sodann das köstliche Bild der Madonna mit dem 
kleinen Johannes und der h. Katharina vom Jahr 1533, welches die 
Nationalgalerie zu London besitzt. Es gehört in Kraft und Gluth 
der Farbe, Gediegenheit der Ausführung und reich entwickelter, saftig 
frischer Landschaft zu den liebenswürdigsten Werken des Meisters. 
Die vornehme Ruhe der Madonna contrastirt herrlich mit der fast 
leidenschaftlich glühenden Innigkeit der Katharina; das trefflich ver- 
kürzte Kind ist von entzückender Anmuth und der kleine Johannes 
voll Naivetät. 
Von andern kirchlichen Bildern dieser Zeit ist besonders die edle 
Altartafel in S. Giovanni Elemosinario zu Venedig zu nennen, ein 
Werk von vornehmer Freiheit in Aufbau, Charakteristik und Färbung. 
Etwas später entstand das Altarbild mit dem h. Tobias in S. Mar-_ 
ciliano, das den Meister auf derselben Höhe zeigt und von mächtiger 
Wirkung ist. DasHöchste aber erreicht Tizian in der gewaltigen 
"Darstellung im Tempel", ursprünglich für die Carita gemalt, jetzt in 
der Sammlung der Akademie. Man sieht die kleine Maria in kind- 
lichem Eifer die Treppe zum Tempel hinaufschreiten, vor dessen Ein- 
gang auf der obersten Stufe der Hohepriester mit anderen Würden- 
trägern die Kleine erwartet. Ein dichtes Volksgedränge, worin schöne 
Frauen und grossartige senatorisehe Gestalten hervortreten, füllt den 
Vordergrund, andere Zuschauer sieht man in den Fenstern und auf den 
Altanen der antiken Prachtgebäude, welche den Platz umsehliessen. 
Die derbe Figur einer Hökerin mit ihrem Eierkorbe hat der Künstler 
mitten in den Vordergrund gebracht, um die leere Fläche der Treppen- 
wange zu beleben. Tizian hatte das Bild dem gegebenen Raume an- 
zupassen und daher für zwei Eingänge grosse viereckige Qeftnuilgen 
gelassen, die später von nachhelfenden Händen ausgefüllt wurden. Trotz
        

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