Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Italienischen Malerei vom vierten bis ins sechzehnte Jahrhundert
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1270152
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1276411
Tizian. 
Petrus Martyr, 
Magdalena. 
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zu Boden geworfen; sein Gefährte, ebenfalls ein Ordensbruder, ent- 
weicht voll wilden Entsetzens, das sich unübertreiflich in der jähen 
Wendung seines Körpers, dem Angstausdruck des Kopfes, dem stieren 
Blick und dem wirren Haare ausspricht. Der Mörder, eine gemeine 
untersetzte Figur, hat den zu Boden gestürzten heiligen Mann beim 
Gewande ergriffen und holt eben zum wilden Stoss aus, um ihn vollends 
zu tödten. Da fällt mitten in diese tragische Scene voll Leidenschaft 
und Graus ein Lichtstrahl vom Himmel, der die Kronen der hohen 
Bäume durchbricht und bis in das Helldunkel des Dickichts seine 
Reflexe wirft. Aus der Höhe schweben zwei wunderliebliche Engel- 
knaben herab, um dem Märtyrer die Palme zu bringen. Mit schon 
brechendem Auge gewahrt dieser die himmlischen Boten und streckt 
in letzter Kraft die Linke wie beschwörend gegen sie empor. S0 
überstrahlt eine iiberirdische Glorie die schwarze Schreckensthat, erfüllt 
den Sterbenden mit dem süssen Gefühl der nahenden Seligkeit und 
giebt dem Beschauer jene erhöhte Stimmung, jene Versöhnung, welche 
der wahren Tragödie nicht fehlen darf. 
Wie poetisch und schön dies vom Meister gedacht ist, wie er- 
greifend er in wenigen Zügen den ganzen geistigen Inhalt der Hand- 
lung entfaltet hat, das brauche ich kaum zu bemerken." Für Tizians 
Kunstauffassung ist es aber besonders von Bedeutung, wie er die 
landschaftliche Umgebung zur Handlung zu stimmen gewusst hat, so 
dass der Eindruck wesentlich mit auf diesem Elemente beruht. Diese 
hohen mächtigen Bäume, die fern sich hinziehende Hügellandschaft, 
die von scharfen Lichtern erhellt wird, das Alles ist hier mit einer 
Freiheit dem Hauptzweck dienstbar gemacht, wie sie vor Tizian keiner, 
wenige nach ihm besessen haben.   
Um 1530 finden wir Tizian auf der vollen Höhe des Ruhms und 
der Meisterschaft, auf welcher er in unablässigem Schatfensdrang und 
jugendlicher Frische noch lange verweilen und eine Reihe von Werken 
hervorbringen sollte, in denen seine edle Kunst den mannigfachsten 
Aufgaben in hoher Freiheit gerecht zu werden wusste. Inls Jahr 1531 
fallt die Entstehung der berühmten Magdalena, deren Beliebtheit durch 
eine erstaunliche Zahl von Wiederholungen bezeugt wird. Er malte 
dieselbe für Federigo Gonzaga von Mantua, der ausdrücklich den Wunsch 
aussprach, „dass dieselbe so schön, aber auch so thränenvoll wie mög- 
lich werde". Das Bild, welches jetzt sich in der Galerie Pitti be- 
findet, ist zwar nicht mit Bestimmtheit als das erste Exemplar nach- 
zuweisen, aber es verräth wenigstens in dem thränenvollen Aufblick
        

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