Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Italienischen Malerei vom vierten bis ins sechzehnte Jahrhundert
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1270152
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1276373
Tizian. 
Pesaro. 
Madonna 
547 
treten sich herabliessen, so mussten sie ihnen auch an Leibhaftigkeit 
der Erscheinung, an voller lebendiger Ausprägung der Persönlichkeit 
gleich werden. Jene dagegen konnten nicht umhin, von dem idealen 
Wesen der heiligen Figuren ergriffen zu werden und verlangten daher 
eine Steigerung und geistige Erhöhung ihres Wesens, wäre es auch 
nur in dem Ausdruck andachtsvoller Erhebung, der sie in eine reinere 
Sphäre hinaufträgt. Gleichwohl fanden wir in den Werken des fünf- 
zehnten Jahrhunderts den Bruch zwischen beiden so verschiedenartigen 
Faktoren noch keineswegs ausgeglichen, und die ganze nordische Kunst 
blieb selbst auf ihrem höchsten Punkte in diesen wie in manchen anderen 
Beziehungen noch befangen. Holbein's Madonna mit der Familie des 
Bürgermeisters Mayer ist bei uns vielleicht das einzige Beispiel einer 
vollkommenen Lösung der Aufgabe. 
Anders die grossen italienischen Meister der goldenen Zeit. Wie 
in Italien das moderne Individuum sich zuerst zur vollen Freiheit des 
Daseins und zu den edelsten Lebensformen aufschwang, so konnte es 
dort zuerst von den Malern gleichsam ebenbürtig den heiligen Ge- 
stalten gegenübergestellt werden. Nun sieht man die Altarbilder zu 
voller malerischer Anordnung sich entwickeln. Der Gedanke der 
architektonischen Symmetrie wird entweder durch freie, rhythmische 
Wendungen belebt oder macht gar einer völlig ungebundenen Anord- 
nung Platz, in welcher das Gleichgewicht grosser Massen und farbiger 
Gegensätze ausschlicsslich zur Geltung kommt. Am weitesten gehen 
darin, eben kraft ihrer Eigenschaft als Coloristen, die Venezianer. Sie 
ordnen die Gruppen der Heiligen und der Anbetenden in luftiger 
Räumlichkeit zu einem lebhaft bewegten Ganzen, das nach Art vor- 
nehmer Gesellschaften zu einer heiligen Unterhaltung (vsanta conver- 
sazione") sich verbindet. 
Vielleicht das herrlichste Werk dieser Art ist das grosse 1526 
vollendete Andachtsbild, das sich links im Schiffe der Kirche S. Maria 
de' Frari zu Venedig auf einem Seitenaltare befindet. (Fig. 125.) Es 
verherrlicht die Familie Pesaro, und zwar mit Beziehung auf einen 
von einem Gliede derselben über die Türken davongetragenen Sieg. 
Darauf deutet die lorbeergeschmückte Fahne, welche ein Geharnischter 
schwingt, indem er einen gefesselten Türken mit heransohleppt. Mit 
welcher Liebe Tizian dies grosse Werk ausgeführt hat, erkennt man 
daran, dass er dem Fahnenträger seine eigenen Züge gegeben. Die 
Hauptperson unter den Knieenden ist die vereinzelte Gestalt zur Lin- 
ken, jener Jacopo Pesaro, welcher schon unter Papst Alexander VI.
        

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