Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Italienischen Malerei vom vierten bis ins sechzehnte Jahrhundert
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1270152
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1276284
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Buch. 
Kapitel. 
XII. 
Venezianer. 
Die 
Serravalle vermählte, hat der Meister mehrmals gemalt, zunächst in 
dem schönen Bilde aus seiner späteren Zeit, welches dem Museum zu 
Berlin angehört. Das schöne Mädchen, eine üppige, reife und doch 
ganz jungfräuliche Gestalt, hat dem Beschauer halb den Rücken zu- 
gekehrt, wendet sich aber mit dem elastisch zurückgeworfenen Kopfe 
nach ihm hin. Dabei biegt sich der Oberkörper nach hinten, weil sie 
in beiden hoch erhobenen Händen eine schwere silberne Schüssel mit 
Früchten emporhält. In diesen Gegensätzen der Bewegung liegt ein 
Rhythmus, ein Schwung der Linien und dabei eine Naivetät und- 
Absichtslosigkeit, wie nur die feinste Beobachtung sie in glücklichem 
Momente der Natur abzulauschen vermag. Das Gesicht, das sich wie 
fragend mit den grossen dunklen Augen an uns wendet, ist mit seinem 
feinen Oval, den schwellenden Lippen, dem lockigen Goldhaar, das ein 
Diadem umspannt, ein Typus der verführerischen Frauenköpfe, wie sie 
uns so oft auf venezianischen Bildern begegnen. Wie oft mag dieses 
anmuthige Antlitz den Meister zu seinen herrlichsten Schöpfungen 
begeistert haben! Fast nicht minder anziehend sind die Hände, leicht, 
zierlich und vornehm gebildet, wie es in Italien selbst bei den Frauen 
des niederen Volkes die Regel ist. Dabei erscheint die Oarnation hier 
wieder im höchsten Zauber eines sonnig warmen Goldtones, der fast 
unmerklich mit kühleren Halbschatten sich verbindet und so eine 
vollendete Modellirung der Formen ergiebt. Die Thaufrische jugend- 
licher Kraft und Schönheit liegt wie ein durchsichtiger Schleier über 
der ganzen Erscheinung. Ein gelbes Damastgewand mit grossen Blumen- 
mustern umschliesst den Körper fast gar zu stofflich derb und schwer. 
Darüber fallt ein schleierartiger Üeberwurf herab, der den prächtigen 
Nacken frei lässt. Tizian hat alle Zufälligkeiten der Zeittracht bei- 
behalten und sie durch die schlichte Behandlung zum kräftigeren Hervor- 
heben der Hauptsache benutzt. Ueberhaupt ist das Energische, Markige, 
fast Untersetzte der Gestalt unbefangen betont, aber durch die Elasti- 
zität und Anmuth der Bewegungen zum Ausdruck der Schönheit erhöht. 
Der dunkelrothe Vorhang und die vorspringende Mauerecke dienen 
treiflich zur Steigerung, indem sich die Gestalt um so wirksamer von 
ihnen absetzt; eine weite hügelige Landschaft schliesst das Ganze heiter ab. 
Das reizende Bild muss schon zu Tizian's Zeiten grossen Beifall 
geerntet haben, denn der Meister hat es mehrmals wiederholen müssen. 
Das Original im Berliner Museum gelangte 1832 aus der Sammlung 
des Abbate Oelotti dahin. Ein zweites Exemplar befand sich ehemals 
in der Galerie Orleans und kam bei der Versteigerung der Sammlung,
        

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