Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Italienischen Malerei vom vierten bis ins sechzehnte Jahrhundert
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1270152
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1276268
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Buch. 
XII. Kapitel. 
Venezianer. 
Die 
blondlockige Haar emporhebt. Der ruhige Blick ihrer grossen dunklen 
Augen weilt auf dem Bilde der eigenen Schönheit, das aus dem kleinen 
Spiegel ihr entgegenstrahlt, den ihr Geliebter ihr verhält. Das volle 
Licht fällt auf ihre Gestalt und entschleiert jene majestätischen grossen 
Formen, die Tizians Frauengestalten wie ein Geschlecht von Halb- 
göttinnen erscheinen lassen. Alles ist hier so vollendet, dass man das 
verwirklichte Frauenideal zu sehen meint, welches Firenzuola in seinem 
merkwürdigen Vortrag über die weibliche Schönheit den Damen von 
Prato geschildert hat. Der Glanz dieser herrlichen Formen wird noch 
mehr hervorgehoben durch die im tiefen Halbdunkel liegende Gestalt 
ihres Begleiters, dessen Blick entzückt auf ihr zu weilen scheint. 
Nicht zufrieden damit, lässt uns der Künstler in dem zweiten Spiegel 
das edle Frauenbild auch von der Rückseite schauen. Dies ist ein 
Kunstgriff, den man bei den damaligen italienischen Malern häufig 
antriift. Er wurde veranlasst durch den in jener Zeit lebhafter als 
je geführten Streit über den Vorrang der Malerei oder der Plastik. 
Wir besitzen eine Anzahl von Briefen berühmter Künstler, welche dies 
Thema behandeln. Meistens wird dabei der Bildnerei der Vorrang 
zugesprochen und besonders hervorgehoben, dass sie die menschliche 
Gestalt von allen Seiten zeige, während die Malerei nur eine Ansicht 
gebe. Dem suchten dann die Maler dadurch entgegen zu treten, dass 
sie durch Anwendung von Spiegeln oder ähnlichen Hülfsmitteln dieselbe 
Gestalt von mehreren Seiten zeigten. Das Bild gehörte der Sammlung 
König Karls I. von England an und ging für den Preis von hundert 
Pfund Sterling in den Besitz des bekannten Kölner Banquiers Jabach 
und von da in die Sammlung Ludwigs XIV. über._ Stellt es wirklich 
die Geliebte des Herzogs von Ferrara vor, so muss es um 1520 ent- 
standen sein, da Alfons' erste Gemahlin, Lucrezia Borgia, 1519 starb. 
Diesem Zeitraum entspricht auch die bei aller Freiheit überaus sorg- 
fältige Durchführung. 
Eine andere Gestalt von feineren Formen und mehr jungfräulichem 
Ausdruck bietet das köstliche Bild im Belvedere zu Wien. Es ist ein 
junges Mädchen von vornehmer Anmuth der Erscheinung, welches die 
schwellenden Glieder, nur halb von einem prächtigen Pelz umhüllt, 
zeigt, den sie mit den schönen Händen um die Schulter zu schlagen 
sucht. Die thaufrischen Formen, das reizende Köpfchen mit dem zarten. 
Flaum um die rosigen Wangen, den frischen Lippen und den schalkhaft 
glänzenden Augen giebt ein Bild heiterster Jugend. Dieselbe Dame, 
deren Kopf wir auch in der Venus von Urbino der Ufflzien wiederfinden,
        

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