Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Italienischen Malerei vom vierten bis ins sechzehnte Jahrhundert
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1270152
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1276257
Tizian. 
Frauenbildnisse. 
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Ausdruck bringen, wenn Rafael's weibliche Bildnisse geistige Hoheit 
athmen, so entzücken Tizian's Frauenporträts durch den Zauber adliger 
Anmuth, hinreissender Schönheit. Sie stehen der Natur am nächsten, 
aber es ist eine erhöhte, im Sonnenlicht freier Renaissancebildung ver- 
klärte Wirklichkeit, die aus ihnen uns entgegenstrahlt. 
Zu den frühesten dieser Werke gehört die sogenannte Flora der 
Üffizien. Es ist ein junges Weib von üppigen Formen und von jener 
Fülle des lockenumflossenen Antlitzes, wie sie Palma schildert. In der 
That erinnert auch der weiche Schmelz der Oarnation an diesen Meister. 
Wir belauschen die edle Gestalt beim Ankleiden, denn die mächtigen 
Formen sind nur leicht durch ein Mousselingewand verhüllt, welches 
von der Schulter hinabgleitet und in reizender Bewegung durch die 
linke Hand festgehalten wird, während die Rechte einen Blumenstrauss 
darbietet. Der edle Reiz reinster Natur spricht aus diesen Formen 
mit der Ünbefangenheit antiker Plastik. Dieselbe anmuthige Gestalt 
erkennen wir in dem herrlichen Bilde des Louvre, welches seinen 
Platz unter den Meisterwerken des ,.,Salon quarre" gefunden hat. Unter 
den vielen Bildnissen, welche der grosse Meister geschaffen, gehört es 
zu der auserlesenen Zahl jener unvergleichlichen Werke, in denen eine 
besondere Wärme jeden Pinselstrich des Malers beseelt zu haben scheint. 
Deshalb hat man darin die Geliebte Tizian's erkennen zu müssen 
geglaubt und dem Bilde die Bezeichnung "Titien et sa maitressea 
gegeben. Diese Benennung wird durch Nichts gerechtfertigt; dagegen 
macht Ticozzi, gestützt auf Medaillen und zuverlässige Porträts, die 
Ansicht geltend, dass die hier dargestellten Personen Herzog Alfons 
der Erste von Ferrara und seine Geliebte, die Signora Laura de' Dianti 
seien. Diese Dame war von niederer Herkunft, wusste aber durch 
Schönheit und durch Geist den Herzog so zu fesseln, dass er sie unter 
dem Beinamen "Eustochia" zu seiner Gemahlin machte, nachdem seine 
erste Gemahlin, Lucrezia Borgia, gestorben war. Dass Tizian die 
Signora Laura gemalt hat, wissen wir durch Vasari, der das Bild eine 
erstaunenswürdige Arbeit („opera stupenda") nennt. Da nun von 
diesem Bilde zu Ferrara eine Wiederholung sich ündet, welche die Dame 
fast ganz nackt darstellt, so nimmt Ticozzi an, Tizian habe sie zuerst 
in jenem Bilde als Geliebte des Herzogs, dann in unserem, bekleidet, 
als seine Gemahlin dargestellt. Eine Vermuthung, die Manches für 
sich hat. 
Die junge Frau steht am Toilettentische und hält in der Linken 
ein Fläschchen, während sie mit der Rechten das üppig herabwallende
        

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