Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Italienischen Malerei vom vierten bis ins sechzehnte Jahrhundert
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1270152
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1276196
Tizian. 
Allegorische Bilder. 
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sie ihr Gesicht und blickt starr in's Weite. Die reich herabiluthenden 
blonden Locken sind von einem zarten Myrthenreis als Diadem umgeben. 
Vergebens plätschert ein reizender Amor dicht neben ihr in heitrem Spiel 
mit dem Wasser des Brunnens, das vorn aus einer Mündung schim- 
mernd auf den saftigen Rasen strömt. Die stolze Schöne scheint starr 
und unbewegt; mitleidslos hat sie aus dem Strauss in ihrer Rechten 
die Rose entfernt und die arme Blume der Liebe zerpilückt auf den 
Rand des Brunnens geworfen. Ünd doch, täuscht uns nicht ein prü- 
fender Blick, doch ist in der Haltung des schönen Kopfes Etwas, das 
auf den inneren Kampf deutet. Das Auge ist abgewandt, aber das 
Ohr den schmeichlerischen, {lebenden Vorstellungen zugekehrt, mit 
welcher die Liebe selbst, von den beredten Lippen ihrer schönsten 
Vertreterin, sie innig zu bestürmen scheint. Wie dringend wissen die 
glänzenden Augen der holden jugendlichen Gestalt, die auf dem anderen 
Ende des Brunnens sitzt, zu bitten! wie herzlich neigt sie sich der 
spröden Gefährtin entgegen! wie ist jede Linie des reinen, zarten, an- 
muthvollen Körpers in seiner gottgeschaffenen Nacktheit, noch gesteigert 
durch das reich herabwallende rothe Gewand, einer sanften Musik zu 
vergleichen, die den süssesten Worten als Begleitung dient! 
In diesen Kampf der Empfindungen, in diese Herrlichkeit ent- 
zückender Gegensätze lässt uns der grosse Meister blicken. Wer denkt 
da noch an Allegorie? Die stärkste, reinste Gewalt des Lebens, ver- 
klärt vom unsterblichen Hauche der Poesie, umfängt das Gemüth und 
hebt es in eine höhere Sphäre des Daseins. Die ganze goldige Klar- 
heit, die Frische und Kraft und zugleich der zarteste Farbenschmelz 
aus des Meisters Jugendzeit liegt auf dem Bilde. Die liebevoll zarte 
Vollendung, die zierlich durchgeführte Landschaft bestätigen diese 
Annahme, die Behandlung des Kolorits und namentlich der Kopf der 
bekleideten Dame, mit den üppig vollen Wangen, mahnt an die Epoche, 
wo Tizian denSpuren Palma's nachging. 
Eine spätere Zeit des Meisters vertritt die reizende Composition, 
welche unter dem Namen der „drei Lebensalter" bekannt ist. Sie zeigt 
in schattenreicher Landschaft einen jungen Hirten neben einem schönen 
blonden Mädchen auf dem Rasen gelagert. Er scheint sie im Flöten- 
spiel unterrichten zu wollen, und sie blickt mit unschuldiger Hingebung 
und Treuherzigkeit ihn an. Zur Seite sieht man zwei schlummernde 
Kinder, über welche unbemerkt Amor hinwegschreitet. Im Hinter- 
grunde ruht ein Greis, der sich der Betrachtung eines Todtenschädels 
überlässt. Der poetische Gedanke des Bildes ist so einfach natürlich
        

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