Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Italienischen Malerei vom vierten bis ins sechzehnte Jahrhundert
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1270152
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1276161
528 
Buch. 
Kapitel. 
XII. 
Venezianer. 
Aber das Bild ist gewiss weit früher, vielleicht schon um 1508, ent- 
standen, weil in der nirgends von Tizian wieder so weit getriebenen 
Feinheit der Ausführung sich der Einfluss Dürer's, der bekanntlich 
kurz vorher in Venedig gewesen war, zu erkennen giebt. Damit hängt 
der Umstand zusammen, dass das Gemälde auf eine Holztafel gemalt 
ist, während sonst um jene Zeit in den Schulen Italiens, vor allen in 
der venezianischen, man die Leinwand als Malgrund vorzuziehen anfing. 
Der Inhalt des Bildes kann keinen Augenblick zweifelhaft sein. 
Jeder Beschauer wird sich sogleich des Vorganges erinnern, den das 
Evangelium des Matthäus im 22. Capitel erzählt: wie die tückischen 
Pharisäer zu Jesus kommen, um ihn zu versuchen mit der schlau er- 
sonnenen Frage: „Ist es Recht, dass man dem Kaiser Zins gebe, oder 
nicht?" und wie Christus sie mit der schlagenden Antwort abfertigt: 
"Gebet dem Kaiser was des Kaisers ist, und Gott was Gottes ist". 
Für die bildende Kunst giebt es wohl kaum eine schwierigere 
Aufgabe, als die, ein blosses Wort, eine zutreffende Antwort dar- 
zustellen. Schon in der Wahl eines solchen Gegenstandes erkennt man 
die moderne Zeit, die sich nicht mehr mit dem Allgemeinen, Typischen 
der heiligen Gestalten genügt, sondern sie in bedeutsamen Momenten, 
im Gipfelpunkt einer spannenden Situation vorzuführen liebt. So fein 
nun im vorliegenden Falle die Aufgabe zugespitzt ist, so vollständig 
hat Tizian sie gelöst. Es konnte ihm hier nicht darauf ankommen, 
den „Heiland", den "Erlöser" in himmlisch verklärtem Wesen, im Voll- 
glanze seiner Macht vorzuführen. Der Schwerpunkt liegt beim ganzen 
Bilde im rein Menschlichen, im Gegensatze eines hohen, edlen Geistes 
gegen die Gemeinheit. Letztere naht in der Person des Pharisäers. 
Der Künstler giebt nur einen schmalen Profilabschnitt seiner Gestalt, 
nur eine Hand, die linke, und vom Gesichte nicht einmal das Auge. 
Aber man meint den listigen Blick stechend unter der buschigen Braue 
hervorlauern zu sehen, wie eine Schlange, die ihrer Beute gewiss zu 
sein glaubt. Das markirte Profil des Kopfes, an sich bedeutend ge- 
schnitten, aber durch die Niedrigkeit des darin hausenden Geistes 
gleichsam in's Thierische herabgezogen, ist ebenso bezeichnend wie 
das grosse gemeine Ohr, wie die derbe braune Hand mit den stark 
geschwollenen Adern, die sich mit ihrem tiefen Braun scharf gegen 
den blauen Mantel Christi absetzt. Jeder Zoll in dieser Figur ist 
Tücke, niedrige Püffigkeit einer rohen und brutalen Natur. 
Welchen Gegensatz bietet dazu Christus! Der Künstler hat ihn 
von vorn dargestellt mit einer Seitenwendung des Kopfes, als sei er
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.