Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Italienischen Malerei vom vierten bis ins sechzehnte Jahrhundert
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1270152
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1276119
Tizian. 
Madonnen und heilige Familien. 
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andrerseits die ideale Jünglingsiigur des Stefanus angeordnet ist. Der 
Künstler hat hier wahre Mustertypen der drei Lebensalter gegeben, 
und in dem innigen Aufbliek des Märtyrers, in dem ruhigen Ernst 
des ritterlichen Heiligen und dem feierlichen Versunkensein des Alten 
wundervolle psychologische Gegensätze geschaffen. Das Kolorit ist 
bei breitester Behandlung von kaum zu übertreffender Tiefe, Sattheit 
und gluthvoller Herrlichkeit. Fast genau dieselbe Composition, nur mit 
der Aenderung, dass neben" Stefanus die Heiligen Ambrosius und Mau- 
rizius angeordnet sind, Endet sich im Louvre. Auch hier dieselbe 
Innigkeit im Antlitz der liebevoll auf das Kind herabschauenden Ma- 
donna, dieselbe reizende Natürlichkeit des Kindes, dieselbe andächtige 
Gluth im h. Stefanus, neben welchem Ambrosius als prachtvoller vene- 
zianischer Nobile in leuchtendem Pnrpurmantel, Maurizius als Ritter in 
blitzender Rüstung sich abhebt; in Klarheit, Frische und Feinheit des 
goldigen Tons wieder eins seiner herrlichsten Werke. Aus beträchtlich 
späterer Zeit stammt eine andere Madonna derselben Sammlung, welche 
die h. Jungfrau in einer poetischen Gebirgslandschaft mit dem auf 
ihrem Schoosse stehenden segnenden Christkind darstellt. Vor ihr wirft 
sich die h. Agnes verehrend nieder, in der Linken eine Palme haltend, 
mit der Rechten das ihr als Attribut zukommende Lamm streichelnd, 
welches der kleine Johannes herbeiführt. Auch hier fesselt die Compo- 
sition durch die freie Bewegung und durch das trauliche Zusammensein 
in schöner Natur, durch die huldvolle Milde der Madonna, den liebens- 
würdigen Eifer des kleinen Johannes, sowie durch die prächtige, effekt- 
voll beleuchtete Landschaft. Die Ausführung zeigt die kühne Breite 
und Sicherheit der späteren Zeit, die Farbe ist tief gesättigt, der Ton 
des Fleisches glühend und reich modellirt. Wie sorgfältig Tizian bis- 
weilen noch in seiner späteren Zeit auszuführen wusste, erkennt man 
in derselben Sammlung an der berühmten „Vierge au lapin", die wahr-_ 
scheinlich um 1530 entstanden ist. (Fig. 120.) Hier giebt der Künstler 
die denkbar höchste Stufe der von Palma eingeführten heiligen Idyllen, 
indem er im Vordergrunde einer köstlichen Alpenlandschaft, welche 
die zackigen Dolomitkuppen seiner Heimath zeigt, die h. Jungfrau als 
einfaches Landmädchen sitzend darstellt. Die h. Katharina, eine vor- 
nehme Gestalt in Perlendiadem und reichen Gewändern, neigt sich zu 
der jungen Mutter, indem sie ihr auf den Armen das Kind entgegen- 
bringt, welches in reizender Bewegung mit dem einen Händchen das 
Kinn der Heiligen berührt und das andere gegen ein weisses Kaninchen 
ausstreckt, welches Maria am Boden festhält. Man kann die Scene
        

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