Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Italienischen Malerei vom vierten bis ins sechzehnte Jahrhundert
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1270152
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1276032
Tizian. 
Seine 
Kunstweise. 
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einige von seiner Hand herrührende noch immer zu den schönsten 
Fresken der Welt. Dagegen wies ihn die geistige Richtung seiner 
Kunst sowie die Ausdrucksmittel, deren er dafür bedurfte, fast aus- 
schliesslich auf das Tafelbild und die Oelmalerei hin. 
Den ruhigen Zustand eines schönheiterfüllten, lustvcrklärten 
Menschendaseins mit allem Zauber der Farbe zu ewiger Dauer zu er- 
heben, das ist der eigentliche Inhalt seiner Kunst. Treffender kann 
man das Wesen dieser Schöpfungen nicht bezeichnen, als mit den 
Worten Kugler's: „Was bei Giorgione noch als der Ausdruck einer 
herben glühenden Kraft erschienen war, löst sich hier und gewinnt 
das Gepräge einer freien, offenen und heiteren Schönheit, einer schönen 
und edlen Menschlichkeit. Tizian ist es, dessen Gestalten das voll- 
kommenste Bewusstsein, den höchsten Genuss des Daseins abspiegeln. 
Eine selige Befriedigung,  so ähnlich den Marmorbildern des griechi- 
schen Alterthums und doch so verschieden  ein ruhiges Genügen, 
eine harmonisch gleichmässige Existenz spricht sich überall in ihnen 
aus. Darum wirken sie so wohlthuend auf das Gemüth des Beschauers, 
darum theilen sie ihm, obgleich sie häufig nur ein Abbild des Nächsten 
und Bekannten, nur Darstellung schöner Formen ohne weitere Rück- 
sicht auf geistige Verhältnisse und überirdisehe Begriffe zu enthalten 
scheinen, durchweg eine reinere und erhöhte Stimmung mit. Es ist 
das Leben in seiner vollsten Potenz, es ist die Verklärung des irdischen 
Daseins ohne Nimbus und ohne Opferblut; es ist die Befreiung der 
Kunst aus den Banden kirchlicher Dogmen." Das ist freilich die 
Tendenz der ganzen italienischen Kunst jener grossen Epoche. Jeder 
der damaligen Meister malte noch religiöse Gegenstände; aber sie 
wurden nicht mehr wie früher aufgefasst. Ehemals hatte die Kunst 
der Kirche gedient; jetzt musste die Kirche mit ihrem ganzen historisch- 
dogmatischen Apparat der Kunst dienen. Ehemals mussten die Maler 
die heiligen Geschichten malen, weil ihr Pinsel die Lehre der Kirche 
predigen sollte; jetzt malten und meisselten die Künstler die kirch- 
lichen StoHe nur, um an ihnen alle Schönheit, deren sie fähig waren, 
zu entfalten. Keiner hat aber die Schönheit der einfachen menschlichen 
Existenz so entschieden in den Vordergrund gestellt wie Tizian. 
Mit Recht hat man von unserm Meister gesagt, er habe besser 
als jeder Andere die Natur gesehen und wahr wiedergegeben. Es 
war ein Glück für Tizian's Kunst und zeugt von seinem richtigen, 
sicheren Gefühl, dass er sich nicht auf Zeichenstudien nach der Antike, 
nicht auf Nachahmung der Weise Michelangelds einliess. Dass zwei
        

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