Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Italienischen Malerei vom vierten bis ins sechzehnte Jahrhundert
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1270152
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1276015
Tizian. 
Aeussere Verhältnisse. 
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daher seine Schwester Orsa zu sich und verliess zugleich seine mitten 
in der Stadt bei San Samuele gelegene Wohnung, um sich in einem 
abgelegenen Theile Venedigs, fern vom Geräusch, an der nördlichen 
Seite dicht am Meere anzusiedeln. Sein Haus war mit einem schönen 
Garten umgeben, welcher die Aussicht über die weite Wasseriläche 
bis nach der fernen Insel Murano, dem alten Ausgangspunkte der 
venezianischen Malerschille, gewährte. Den Horizont schlossen die feinen 
schimmernden Linien der Alpenkette, die Berge seines Geburtslandes, 
die Schauplätze seiner Kindheit. Hier lebte er in behaglicher Unab- 
hängigkeit der Kunst und dem erheiternden Verkehr mit seinen Freun- 
den; hier empfing und bewirthete er, schon sechsundneunzigjährig, 
König Heinrich III. von Frankreich nebst zahlreichem Gefolge in wahr- 
haft fürstlicher Weise. Hier war der Schauplatz jener reizenden ge- 
selligen Unterhaltungen, von denen ein dabei Betheiligter, F rancesco 
Priscianese, in einem 1553 veröffentlichten Briefe eine so anziehende 
Schilderung entwirft. In dem prächtigen Garten Tizian's versammelten 
sich Jacopo Sansovino, Pietro Aretino, Jacopo Nardi (der berühmte 
 iiorentinische Geschichtsschreiber) und der Erzähler. Unter Besichtigung 
der Gemälde, mit denen das Haus angefüllt war, und unter geistvollen 
Gesprächen verflog die Zeit bis zum Abend. Als die Sonne gesunken 
war, und das Meer und die fernen Inseln in rosig goldene Lichtströme 
sich tauchten, belebte sich die weite Wasserfläche mit unzähligen Gondeln, 
von denen das Lachen schöner Frauen, untermischt mit Gesang und 
Lautenklangen, herüberschallte. Die kleine erlesene Gesellschaft aber 
sass, angesichts dieser anmuthigen Scenerie, in der erquickenden Kühle 
beim köstlich bereiteten Abendmahle bis tief in die Nacht hinein. 
Zu andern Stunden mochte wohl der Meister, im höchsten Alter 
noch voll Jugendfrische, am Abende seines Lebens hier sinnend weilen, 
nach den fernen Bergen seiner Heimath hinüberblicken und die lange 
Reihe seiner glückgesegneten Jahre an sich vorüberziehen lassen. Was 
ein Erdendasein schmücken und erheben kann, das hatte er in reichstem 
lllaasse genossen: die höchste Kraft künstlerischer Begabung und eine 
über die gewöhnlichen Gränzen weit hinausreichende unerschöpfliche 
Lebensfülle. Das Bild ursprünglichster Gesundheit und Tüchtigkeit des 
Geistes und des Körpers, schien er der zerstörenden Macht der Zeit 
Trotz zu bieten. Jeder höchste Erfolg in seiner Kunst, Ruhm, Ge- 
winn und Anerkennung der Besten beglückte ihn und blieb ihm bis 
an das späte Lebensende treu. Wenn sein bevorzugter Sohn Pomponio 
durch aussohweifendes Leben dem Vater manchen Kummer machte, so 
Lübke, Italien. Malerei. II. 33
        

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